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7xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Marques Ron.
Veröffentlicht: 01.07.2026. Rubrik: Menschliches


Urlaub in Brasilien (II) - Der Barbier

"Deine Haare sind zu lang. Und der Bart ist ungepflegt! " Ich schaue in den Spiegel. Tatsächlich ist es gerade mal 3 Wochen her,, dass mich meine Liebste mit der Haarschneidemaschine bearbeitet hat - Motto: alles weg - und jetzt bin ich ihr schon wieder zu hippiemäßig. Im Spiegel sehe ich das, was ich "mein Covidbärtchen" nenne, denn damals in der Quarantänezeit kam ich drauf, dass man sich ja gar nicht täglich rasieren muss. Auf der erweiterten Stirn wachsen auch schon wieder vereinzelte Halme. Kurzum - sie hat recht.
"Ich kenne einen guten Barbier der auch Haare schneidet." sagt unser Schwager und verrät uns die Adresse. Wir helfen meinem Schwiegervater, ins Auto und ab geht die Post. Beim Verlassen der Garage ruft unser Schwager noch "Senhor José hat mich bei meiner Hochzeit rasiert. Er ist wirklich gut!" Er ist seit über 40 Jahren verheiratet.
In Santo André ist meine Frau aufgewachsen, hier kennt sie sich aus. Natürlich hat sich einiges verändert. Nach ein paar Nachdenkschleifen und strategischen Umwegen finden wir schließlich einen Parkplatz genau an der genannten Adresse.
Der Barbier befindet sich im 7.Stock. Es gibt hier verschiedene Beautyeinrichtungen. Tür 14 verrät nicht, dass dahinter Bärte geschoren werden.
Eine Dame um die 50 öffnet uns. Wir werden schon erwartet. Drei Generationen sitzen in der Barbierstube herum: Die Enkelin, um die 20, die abwechselnd mit ihrem Handy und mit ihrem Freund spielt. Deren Mutter, die uns die Tür geöffnet hat und ihre Schwester, die häkelnd in einer Ecke sitzt. Und schließlich Senhor José selbst, der meinen Schwiegervater fast ehrfurchtsvoll begrüßt und gleich zum Stuhl geleitet. Wir anderen werden von der Familie begrüßt als wären wir Teil von ihr. Nur der Freund der Enkelin starrt weiter aufs Handy und beachtet uns gar nicht.
Es gibt ein bisschen Smalltalk, Senhor José erwähnt stolz dass er heuer 85 geworden ist und widmet sich dann mit Wort und Tat Senhor Edézio, meinem Schwiegervater.
Die Barbierstube ist schlicht und zweckmäßig eingerichtet, es gibt zwei "Behandlungsstühle" und zwei Wartebereiche. in einem sitzt, wie erwähnt, die Tochter und häkelt. Neben ihr löst ihre Schwester Sudoku. Die Enkelin hat ihr Handy weggelegt und spricht angeregt mit ihrem Freund.
Meine Frau beteiligt sich am Smalltalk des Barbiers, sie hilft Senhor Edézio, der stark schwerhörig ist, wenn nötig mit lauter stimme.
Ich bin noch müde von der langen Flugreise und döse einfach ein.
Nach circa einer Stunde bin ich an der Reihe.
Etwas nervös setze ich mich in den Stuhl.
"Bitte alles weg, Haare ab und Bart auch." bitte ich Senhor José, der bereits mein Haar befeuchtet. Nach wenigen Minuten sind von meiner Haar-und Bartpracht nur mehr ganz kurze Stoppel übrig. Meine Nervosität ist gestiegen, denn Senhor Josés Hand zittert, wenn er die Maschine aufnimmt. setzt er sie jedoch an meinem Kopf an, scheint er völlig ruhig.
Während ich noch über dieses Phänomen nachgrüble, wird mein Gesicht eingeseift. Ich befürchte das Schlimmste. Tatsächlich wird mit zittriger Hand ein Rasiermesser ergriffen und die Klinge gewechselt. Jetzt zu fliehen, würde unkittbare Zerwürfnisse mit dem Barbier, seiner Familie, meinem Schwager und nicht zuletzt mit meiner Frau mit sich bringen.
Also bleibe ich tapfer sitzen. "Soso, du bist also aus Österreich!" Ich schrecke aus meinen düsteren Gedanken. "Ja genau." - "Wie gefällt dir Brasilien?" Während ich meine Liebe für das Land beteure, senkt sich das Messer schwankend und mäandernd auf den Bereich unter meiner Nase. Und wieder endet die Unsicherheit der Hand in dem Moment, in dem die Klinge meine Haut berührt. Ich werde etwas ruhiger. Vielleicht ist es aber auch nur die Wirkung körpereigener Drogen.
Ich erkläre, dass Austria nicht in der Nähe von Neuseeland liegt, dass dort jetzt Sommer ist.
Meditationstechniken helfen mir, auch noch die Rasur der Kehle würdevoll zu überstehen und ich werde zur Belohnung mit einer scharf riechend Flüssigkeit eingeschmiert.
"Soll ich den Kopfbereich auch noch rasieren?" fragt mich Senhor José. Ich lehne ab, bedanke mich und verlasse kontrolliert den Stuhl.
Inzwischen hat meine Frau entschlossen, sich die Haare nachfärben und etwas kürzen zu lassen. Ich nehme neben meinem Schwiegervater im Wartebereich Platz. Er erzählt mir von einer Hochseeangelfahrt vor 50 Jahren. Zwölf Leute in zwei Booten. Schnaps ist geflossen. Genau 721 Fische wurden gefangen: Schwertfische und Graue Drückerfische.
Nachdem ich mir die Geschichte 7x angehört und jedesmal kommentiert habe, ist auch meine Frau fertig. Unter Tränen verabschieden sich die beiden Senioren, die sich wohl seit mindestens 60 Jahren kennen. Wir übrigen umarmen uns auch und unter gegenseitigen Dankesworten geht der Besuch zu Ende.

Später im Auto gesteht mir meine Frau lachend, dass sie einen Schnitt bekommen hat, den sie gar nicht bestellt hat und demnächst wieder zum Friseur müsse. Alarmiert fahre ich mit einer Hand über den Kopf und finde ein kleines Haarbüschel hinter dem rechten Ohr. Wortlos reiße ich es aus und stopfe es in den Aschenbecher des Mietwagens.

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