Veröffentlicht: 16.07.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Urlaub in Brasilien (III) - Eine Entscheidung
Es ist bekanntlich nicht immer leicht, die richtige Entscheidung zu treffen. Manchmal würde man sich schon damit begnügen eine nicht "ganz falsche" Wahl zu haben.
"Es ist ganz einfach unmöglich", sagt meine Schwägerin in ihrer endgültigen, Alles wissenden Art.
"Es ist indiskutabel", sagt ihre ältere Tochter in der Schweiz, ganz die Mutter von vier Mädchen und die Tochter ihrer Mutter.
Der Sohn sagt nichts. Er ist vor Jahren nach Australien gezogen.
Beim Kardiologen: Der Arzt lässt erst nur meine Frau und ihren Vater eintreten, nach Bitten meiner Frau darf ich auch teilnehmen.
"Flugreisen untersagt lese ich hier. Haben Sie die neuesten Untersuchungsergebnisse dabei?" Meine Frau hat und findet nach geraumer Zeit.
"Das Herz ", er zählt eine Reihe von Befunden auf, "Alles in allem in einem akzeptablen Zustand - für fast 100 Jahre. Natürlich gibt es Einschränkungen. Jede Anstrengung ist eine Gefahr."
"Der Flug nach Rio - selbstverständlich ist es ein Risiko. Aber passieren kann immer etwas, auch wenn Sie in Santo André über die Straße gehen."
"Es ist alles vorbereitet - die Tour für ältere Personen, ein Rollstuhl wird zur Verfügung gestellt. Mein Vater war noch nie in Rio. Er wird wochenlang erzählen, dass er den Cristo Redentor besucht hat. Und danach verbringen wir noch eine Woche am Strand von Porto Seguro!", versichert meine Frau.
Dem Arzt ist das nun doch zu viel. "Moment. Rio ist das Äußerste!"
Er wirft einen Blick auf den anderen Befund. Die unbehandelbaren Knoten im Hals. Seit mindestens 4 Jahren existieren sie im Körper von Sr Edézio. Was einen 30 jährigen innerhalb eines halben Jahres umgebracht hätte, wächst hier nur sehr langsam. Schließlich presst der Kardiologe - als hätte er Angst, der Falsche könnte es hören - zwischen den Lippen heraus: "Wäre ich an Ihrer Stelle, würde ich ihm die Freude gönnen!"
Die Reise ist längst bezahlt, eine Tante ist dafür, Senhor Edézio selbst scheint plötzlich unschlüssig.
Es gibt auch noch eine jüngere Tochter meiner Schwägerin, die mit ihren Eltern und ihrem Großvater wohnt und als einzige einer geregelten Arbeit nachgeht. Ihr Standpunkt ist erfrischend rational: "Passiert etwas mit meinem Opa und er wird zum Pflegefall, muss ich meine Arbeit aufgeben. Bitte sei Dir dessen bewusst!" sagt sie zu meiner Frau.
Der Tag der Reise rückt näher, meine Frau kann sich wie üblich nicht entscheiden.
Manchmal ist meine europäische Ratio gefragt. "Hat ein fast 100-jähriger wirklich das Recht, dass wir um einer kurzen Freude wegen das Schicksal der ganzen Familie aufs Spiel setzen? Er hat doch sein Leben gehabt, und kein schlechtes!" sage ich und es tut mir weh denn ich merke gerade wieviel mir mein Schwiegervater bedeutet.
Am Tag vor der Abreise sagt meine Frau schließlich zu mir: "Ich habe mit meinem Vater gesprochen. Er sagt 'was soll ich im Rollstuhl am Strand, wo ich keinen Menschen kenne? Das hat keinen Reiz für mich.'"
Ich weiß wirklich nicht, wieviel er von der Diskussion um ihn herum mitbekommen hat.
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