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geschrieben 2026 von Phoberos (Phoberos).
Veröffentlicht: 22.08.2026. Rubrik: Menschliches


Der Coiffeur

Als sie die Tür öffnete, wusste er noch nicht, was sie wollte.

Aber er sah ihre Haare.

Sie reichten ihr bis weit über die Schultern, dicht, schwer und zu einem Zopf gebunden, der bei einer anderen Frau vermutlich für drei Frisuren gereicht hätte.

„Haben Sie einen Termin?“

„Nein.“

„Gut.“

Sie sah ihn irritiert an.

Er lächelte. „Dann kann ich Sie wenigstens nicht zu spät drannehmen.“

Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht.

„Was kann ich für Sie tun?“

Sie griff nach ihrem Zopf und hielt ihn hoch.

„Das.“

Er betrachtete ihn.

Nicht lange. Aber anders, als sie es gewohnt war.

„Kaffee?“

„Eigentlich wollte ich meine Haare machen lassen.“

„Das habe ich verstanden. Kaffee?“

„Gerne.“

Er führte sie nicht zu einem der Waschbecken, sondern zu einem kleinen Tisch am Fenster. Zwei Sessel standen dort. Dazwischen ein niedriger Tisch mit einigen Zeitschriften, die aussahen, als hätte seit Monaten niemand darin geblättert.

Er brachte zwei Tassen und setzte sich ihr gegenüber.

„Erzählen Sie.“

„Was?“

„Ihre Haare.“

Sie lachte.

„Wie lange haben Sie Zeit?“

„Genug.“

Also erzählte sie.

Von dem alten italienischen Coiffeur, den sie als junge Frau gefunden hatte. Er war damals schon weit über dem Pensionsalter gewesen und der Erste, der mit ihren Haaren wirklich zurechtgekommen war. Wenn er sie chemisch glättete, hatte sie monatelang Ruhe.

Dann war er irgendwann nicht mehr da.

Danach kamen viele.

Behandlungen, die drei Monate hielten. Andere kaum vier Wochen. Produkte, die angeblich speziell für widerspenstiges Haar entwickelt worden waren. Shampoos, Conditioner, Masken, Öle.

Und Versprechen.

Viele Versprechen.

Einmal hatte sie wieder einen gefunden.

Der Inhaber eines Salons hatte sie persönlich bedient. Vier Stunden lang hatte er Strähne um Strähne bearbeitet. Das Ergebnis war fantastisch gewesen und hatte beinahe ein Jahr gehalten.

Beim nächsten Mal konnte der Mann wegen einer Verletzung seinen Arm nicht richtig benutzen. Er hatte einen Mitarbeiter angeleitet.

Nach einem Monat war fast alles vorbei gewesen.

Später hatte sie noch einmal einen sehr guten Coiffeur gefunden. Weit gereist, erfahren, ein Mann, der sein Handwerk verstand. Beim ersten Mal hatte er gleichzeitig geglättet und gefärbt.

Neun Monate.

Beim nächsten Besuch hatte sie bereits während der Behandlung ein Kribbeln auf der Kopfhaut gespürt.

Nicht schlimm.

Sie hatte nichts gesagt.

Zwei Wochen später waren ihr deutlich mehr Haare ausgefallen als sonst.

„Gebrannt?“, fragte er.

„Nein.“

„Gejuckt?“

„Ein bisschen. Mehr ein Kribbeln.“

„Wie lange?“

„Weiss ich nicht mehr.“

Er schrieb etwas auf.

„War es dasselbe Produkt wie beim ersten Mal?“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung.“

Er nickte und schrieb weiter.

Schliesslich erzählte sie ihm von der Schere.

Da hob er den Kopf.

„Welche Schere?“

„Meine.“

„Sie schneiden Ihre Haare selbst?“

„Wenn sie mich genug nerven.“

„Wie viel?“

Sie hielt die Hände etwa zwanzig Zentimeter auseinander.

Er betrachtete die Strecke.

„Konsequent.“

„Mein Mann nennt es anders.“

„Was?“

„Das sage ich Ihnen nicht.“

Zum ersten Mal lachte er laut.

Dann legte er den Stift weg.

„Ich werde Sie gerne bedienen.“

„Gut.“

„Aber nicht heute.“

Ihr Lächeln verschwand.

„Warum nicht?“

„Weil ich Ihre Haare nicht kenne.“

Sie blickte an sich herunter.

„Die sind hier.“

„Das sehe ich.“

„Und?“

„Und ich kenne sie trotzdem nicht.“

Sie musterte ihn.

„Was wollen Sie denn noch kennenlernen?“

Er stand auf.

„Heute werde ich sie nur frisieren. Wenn Sie möchten. Nichts schneiden, nichts färben, keine Chemie.“

„Und dafür bin ich hierhergekommen?“

„Das müssen Sie entscheiden.“

Sie blieb sitzen.

„Ausserdem hätte ich gerne eine kleine Haarsträhne von Ihnen.“

„Wozu?“

„Ich möchte ein paar Dinge ausprobieren.“

„An meiner Haarsträhne?“

„Besser als an Ihrem Kopf.“

Das Argument schien ihr einzuleuchten.

Er holte eine kleine Kamera aus einer Schublade.

„Und Ihre Kopfhaut würde ich mir gerne ansehen.“

„Sie sind wirklich Coiffeur?“

„Meistens.“

Sie setzte sich vor den Spiegel.

Er öffnete ihren Zopf.

Für einige Sekunden tat er gar nichts.

Er liess einzelne Strähnen durch seine Finger gleiten, betrachtete die Spitzen, bog einzelne Haare gegen das Licht und teilte das Haar an mehreren Stellen.

Dann setzte er die Vergrösserungskamera an ihre Kopfhaut.

„Was sehen Sie?“

„Im Moment Ihre Kopfhaut.“

„Und?“

„Im Moment schaue ich noch.“

Er wechselte die Stelle.

„Sie sagen einem wirklich nicht viel.“

„Doch. Wenn ich etwas weiss.“

Dann kamen die Fragen.

Wie oft waschen Sie Ihre Haare?

Welches Shampoo?

Welcher Conditioner?

Masken?

Öle?

Leave-in-Produkte?

Wie warm duschen Sie?

Föhnen Sie?

Glätteisen?

Wie schlafen Sie? Haare offen, Zopf oder hoher Dutt?

Sauna?

Schwimmen?

Meerwasser?

Chlorwasser?

Wie oft färben Sie?

Welche chemischen Behandlungen hatten Sie in den letzten Jahren?

Dann fragte er:

„Wo wohnen Sie?“

Jetzt drehte sie den Kopf.

„Warum?“

„Wegen des Wassers.“

„Was ist mit meinem Wasser?“

„Das weiss ich nicht. Deshalb frage ich.“

„Ich trinke es.“

„Das ist schon einmal beruhigend.“

Sie schnaubte.

„Wissen Sie, wie hart es ist?“

„Nein.“

„Quelle, Grundwasser, Seewasser?“

„Keine Ahnung.“

„Bringen Sie mir beim nächsten Mal eine kleine Flasche davon mit.“

Sie sah ihn im Spiegel an.

„Sie wollen mein Leitungswasser?“

„Zwei Deziliter reichen.“

„Brauchen Sie auch eine Bodenprobe aus dem Garten?“

Er überlegte kurz.

„Noch nicht.“

Sie begann zu lachen.

Er schrieb weiter.

„Welches Waschmittel benutzen Sie?“

Das Lachen hörte auf.

„Jetzt wollen Sie mich verarschen.“

„Nein.“

„Was hat mein Waschmittel mit meinen Haaren zu tun?“

„Wie viele Stunden schlafen Sie?“

„Sieben, acht.“

„Dann liegt Ihr Kopf jede Woche ungefähr fünfzig Stunden auf einem Stoff, den Sie mit irgendetwas waschen.“

Sie sah ihn einige Sekunden lang an.

„Sie sind ein ziemlich seltsamer Coiffeur.“

„Auch das wurde mir schon gesagt.“

Er gab ihr einen Fragebogen mit. Was sie nicht wusste, sollte sie zu Hause nachsehen und ihm mailen.

Dann begann er zu kämmen.

Nicht oben.

Unten.

Er teilte ihr Haar in Partien und arbeitete sich langsam von den Spitzen nach oben. Wenn er auf einen Knoten stiess, zog er nicht daran. Er hielt die Strähne oberhalb fest und löste ihn mit den Fingern.

Fast eine Stunde später betrachtete sie sich im Spiegel.

„Mehr machen Sie wirklich nicht?“

„Heute nicht.“

Er nahm ein kleines braunes Fläschchen aus einem Schrank.

„Das nehmen Sie mit.“

„Was ist das?“

„Jojoba.“

Sie drehte das Fläschchen um.

Kein Etikett.

„Und was ist sonst noch drin?“

„Nichts.“

„Nur Jojobaöl?“

„Ja.“

„Und dafür brauche ich Sie?“

„Nein. Das können Sie künftig selbst kaufen.“

Sie grinste.

„Wie viel?“

„Zwei Tropfen.“

„Bei meinen Haaren?“

„Gerade bei Ihren Haaren.“

Er nahm das Fläschchen, gab zwei Tropfen auf seine Handfläche und verrieb sie zwischen den Händen.

„In die noch leicht feuchten Längen und Spitzen. Nicht auf die Kopfhaut.“

Dann holte er ein weiches Haartuch.

„Und jetzt machen wir für ein paar Wochen möglichst wenig.“

„Was heisst wenig?“

„Waschen Sie Ihre Haare nicht aus Gewohnheit. Beobachten Sie Ihre Kopfhaut. Wenn sie eine Wäsche braucht, waschen Sie. Aber nicht, weil Dienstag ist.“

„Und wenn ich wasche?“

„Nicht heiss.“

„Kalt?“

„Sie müssen nicht leiden. Lauwarm. Kühl, wenn Sie es angenehm finden. Hitze brauchen Ihre Haare nicht.“

Er gab ihr das Tuch.

„Und danach nicht rubbeln. Wasser vorsichtig ausdrücken, das hier aufsetzen und warten. Wenn Sie föhnen müssen, nicht heiss und mit Abstand.“

Sie betrachtete das Tuch.

„Das war's?“

„Für den Moment.“

„Kein Spezialshampoo?“

„Nein.“

„Keine Kur?“

„Nein.“

„Kein Conditioner für zweihundert Franken?“

„Leider nein. Sonst könnte ich Ihnen zweihundert Franken verrechnen.“

Sie lachte wieder.

Dann wurde sie ernst.

„Und beim nächsten Mal glätten Sie sie?“

Er betrachtete ihr Haar.

„Vielleicht.“

„Vielleicht?“

„Vielleicht glätte ich es. Vielleicht rate ich Ihnen davon ab.“

„Sie wissen schon, dass ich genau deshalb hier bin?“

„Ja.“

„Und warum sagen Sie mir dann nicht einfach, ob es geht?“

Er nahm eine einzelne Strähne zwischen zwei Finger.

„Weil ich Ihnen heute nur sagen könnte, was ich glaube.“

Er liess sie wieder los.

„Beim nächsten Mal möchte ich wissen, was ich tue.“

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Er war zweiundzwanzig gewesen, als er zum ersten Mal begriffen hatte, dass er zwar gelernt hatte, Haare zu schneiden, aber erstaunlich wenig über Haare wusste.

Seine Ausbildung hatte ihm Winkel beigebracht, Schnitttechniken, Farben, Oxidationsmittel und Einwirkzeiten.

Und Produkte.

Vor allem Produkte.

Vertreter erklärten ihm, welches Shampoo trockenes Haar rettete, welches Serum widerspenstiges Haar bändigte und welche neue Formel diesmal wirklich tief in die Haarstruktur eindrang.

Jedes Jahr kam etwas Neues.

Und merkwürdigerweise war das revolutionäre Produkt des Vorjahres danach nie mehr ganz so revolutionär.

Mit achtundzwanzig ging er fort.

Nicht weil er glaubte, in der Schweiz nichts mehr lernen zu können.

Sondern weil er wissen wollte, was man ihm hier nicht beigebracht hatte.

Brasilien war eine seiner ersten Stationen.

Dort begegnete er Haar, das anders reagierte als das Haar seiner Kundinnen zu Hause. Er sah Techniken, von denen er während seiner Ausbildung kaum gehört hatte, und Menschen, die chemische Behandlungen mit einer Selbstverständlichkeit beherrschten, die ihn beeindruckte.

Er blieb.

Dann zog er weiter.

Er arbeitete dort, wo man ihn arbeiten liess. Manchmal schnitt er. Manchmal färbte er. Manchmal fegte er Haare vom Boden und sah anderen zu.

Er lernte moderne Verfahren kennen und uralte.

Er sah Menschen mit Produkten arbeiten, deren Namen ganze Werbeabteilungen beschäftigten.

Und andere mit Dingen, die aus Erde, Pflanzen oder Samen bestanden.

Manches funktionierte.

Manches war Unsinn.

Und manches funktionierte bei einem Menschen hervorragend und beim nächsten überhaupt nicht.

Je länger er unterwegs war, desto weniger traute er Sätzen, die mit immer oder bei jedem Haar endeten.

Einmal hatte er einer älteren Coiffeuse zugesehen, die eine Stammkundin wieder nach Hause schickte.

„Warum?“, hatte er sie später gefragt.

„Ihr Haar war heute anders.“

„Aber du kennst sie doch seit Jahren.“

Die Frau hatte ihn angesehen, als hätte er gerade etwas ausgesprochen, das keinen Sinn ergab.

„Eben.“

Dieser Satz blieb ihm.

Als er Jahre später in die Schweiz zurückkehrte und wieder einen Salon eröffnete, hing keine Philosophie an der Wand.

Keine Urkunde über seine Reisen.

Keine Liste der Länder, in denen er gearbeitet hatte.

Über der Tür stand nur:

DER COIFFEUR

Und er gewöhnte sich eine Frage an, die manche seiner Stammkundinnen nach Jahren noch immer seltsam fanden.

„Wohnen Sie noch am selben Ort?“

Meistens kam ein belustigtes:

„Ja, immer noch.“

Dann fragte er weiter.

„Gleiches Wasser?“

Darauf wusste fast niemand eine Antwort.

Einmal hatte eine Kundin, die seit Jahren zu ihm kam, plötzlich über stumpfes, widerspenstiges Haar geklagt.

Sie hatte nichts verändert.

Dasselbe Shampoo.

Dasselbe Öl.

Dasselbe Haus.

Dieselbe Adresse.

Er hatte trotzdem nachgesehen.

Der Sommer war heiss gewesen. Die Quellen der Gemeinde führten weniger Wasser. Vorübergehend wurde Wasser aus einer anderen Versorgung zugemischt.

Die Zusammensetzung hatte sich verändert.

Die Adresse nicht.

Seitdem stellte er die Frage jedes Mal.

Nicht weil Wasser immer die Ursache war.

Sondern weil gleich nicht immer gleich bedeutete.

Auch er machte Fehler.

Das wusste er.

Er hatte auf seinen Reisen hervorragende Coiffeure kennengelernt. Menschen mit jahrzehntelanger Erfahrung, die an einem schlechten Tag eine falsche Entscheidung getroffen hatten.

Müdigkeit.

Routine.

Zeitdruck.

Ein Produkt, dessen Rezeptur sich verändert hatte.

Ein Haar, das sich verändert hatte.

Oder einfach die gefährlichste Annahme seines Berufes:

Letztes Mal hat es funktioniert.

Deshalb begann für ihn jeder Termin von vorn.

Nicht ganz von vorn.

Aber weit genug.

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Am Abend sass er allein im Salon.

Vor ihm lag die Haarsträhne der neuen Kundin.

Daneben ihr Fragebogen.

Noch waren viele Felder leer.

Er nahm eines der Haare mit einer Pinzette auf und legte es unter sein Mikroskop.

Schon als sie durch die Tür gekommen war, hatte er einen Verdacht gehabt.

Jetzt wollte er wissen, ob er recht hatte.

Er schaltete die Lampe ein.

Und sah hin.

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