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geschrieben 2026 von Phoberos (Phoberos).
Veröffentlicht: 23.08.2026. Rubrik: Persönliches


Le prochain

Eigentlich wollten wir nach Como.

Wir hatten ein paar Tage hin und her überlegt. Noch einmal Comer See? Schön wäre es bestimmt gewesen. Wir kannten die Gegend, wussten ungefähr, was uns erwartete.

Zwei Tage vor der Abreise änderten wir unsere Meinung.

„Wie wäre es mit Aix-en-Provence?“

Wir wussten praktisch nichts über Aix-en-Provence.

Also buchten wir Aix-en-Provence.

Manchmal sind das die besten Voraussetzungen.

Am ersten Tag dachten wir: Ja, nett.

Sonnig. Warm. Alte Häuser. Markt. Provenzalische Produkte. Kleine Cafés, Boulangerien und Patisserien.

Frankreich eben.

Dann standen wir eines Morgens in einer Boulangerie an der Kasse.

Vor uns eine ältere Dame. Sie hatte ein grosses Brot gekauft und ich dachte: Gut, jetzt bezahlt sie noch und dann sind wir dran.

Tat sie nicht.

Sie fragte die Verkäuferin, ob sie ihr das Brot schneiden könne.

Natürlich.

Die Verkäuferin nahm das Brot und schnitt es in der Mitte durch.

Wir warteten.

Die Dame betrachtete die beiden Hälften.

Ob man diese vielleicht noch einmal teilen könne?

Gut.

Vier Stücke.

Nein.

Jede Hälfte bitte in vier gleich grosse Stücke.

Acht.

Ich sah das Brotmesser in der Hand der Verkäuferin und dachte: *Hast du zu Hause keines?*

Wir sagten nichts.

Wir hatten Ferien.

Die Verkäuferin schnitt das Brot sorgfältig in acht möglichst gleich grosse Teile und packte alles ein.

Jetzt musste die Dame nur noch bezahlen.

Wir sahen bereits unsere Chance.

Doch statt eine Karte hervorzuziehen, öffnete sie ihr Portemonnaie und begann, Münzen herauszusuchen.

Eine nach der anderen.

Kurz überlegte ich, ob ich einfach einen Fünf-Euro-Schein an ihr vorbei auf den Tresen werfen sollte. Lela schien meinen Gedanken zu erraten, schaute mich ernst an und hob eine Augenbraue.

Ich beherrschte mich.

Ferien.

Atmen.

Dann schauten wir uns um.

Hinter uns standen noch andere Kunden.

Niemand verdrehte die Augen.

Niemand verlagerte demonstrativ das Gewicht von einem Bein aufs andere.

Niemand schaute auf die Uhr.

Nicht einmal die Verkäuferin wirkte ungeduldig. Sie wartete einfach, bis die alte Dame ihr Kleingeld zusammengesucht hatte.

Und zwar nicht mit jener professionellen Freundlichkeit, bei der man genau sieht, dass jemand innerlich gerade einen Mord begeht.

Sie wartete wirklich.

Respektvoll bis zur letzten Sekunde.

Wir waren beeindruckt.

Jetzt hoffte ich nur noch, dass die Dame nicht anfangen würde, über das warme Wetter oder ihren Sohn zu erzählen.

Tat sie nicht.

Sie nahm ihre Tasche, griff nach ihrem Stock und ging langsam zur Tür. Ein junger Mann, der gerade hereinkam, hielt sie ihr auf.

„Merci.“

„Je vous en prie.“

Dann war sie draussen.

„Le prochain.“

Wir traten an den Tresen.

Irgendetwas an Aix hatte sich verändert.

Oder vielleicht auch nur etwas an uns.

In den nächsten Tagen begannen wir genauer hinzusehen.

Jeden Tag Markt.

Überall Cafés, Boulangerien, Patisserien, kleine Geschäfte und Künstlerateliers. Musiker standen auf Plätzen oder irgendwo in einer Seitengasse. Hinter jeder Ecke schien wieder etwas zu sein, das man vorher nicht gesehen hatte.

Anfangs hatten wir noch gedacht, die Stadt sei ein wenig heruntergekommen.

Die Fassaden nicht überall frisch gestrichen. Die Gassen nicht herausgeputzt. Hier eine bröckelnde Wand, dort ein Fensterladen, der vermutlich schon bessere Jahre gesehen hatte.

Aber irgendwann sah es nicht mehr heruntergekommen aus.

Es sah gelebt aus.

Am Samstag liefen wir von unserem Appartement durch die Altstadt Richtung Rotonde, dem grossen Kreisel am unteren Ende des Cours Mirabeau.

Schon von weitem merkten wir, dass heute etwas anders war.

Markt.

Aber nicht der Markt, den wir inzwischen kannten.

Der Cours Mirabeau war voller Stände.

„Uff.“

Wir liefen los.

Kleider, Stoffe, Taschen, Schmuck, Seifen, Lavendel, Früchte, Gemüse.

Wir gingen den ganzen Cours hinauf.

Oben hörten die Stände sonst auf, heute aber nicht.

Sie bogen links in eine Seitengasse ab.

Also bogen wir auch links ab.

Die nächste Gasse war ebenfalls voller Stände.

Wir gingen weiter.

Und kamen auf den Place de Verdun.

Gerammelt voll.

Jetzt wurde aus einem Markt eine kleine Welt.

Gewürze in Farben, bei denen wir teilweise nicht einmal wussten, was wir da sahen. Lederwaren. Körbe voller Nüsse. Tomaten, Pfirsiche, Melonen und Gemüse. Brote, Käse und Würste. Gebäck und Süssigkeiten.

Calissons.

Diese kleinen provenzalischen Dinger aus Mandeln und kandierten Früchten, die aussehen, als hätte jemand beschlossen, Marzipan müsse eleganter werden.

Und Caramel au sel de Cassis.

Überall Menschen.

Stimmen.

Französisch, irgendwo Englisch, dazwischen ein paar Worte, die wir nicht verstanden.

Eine Verkäuferin rief etwas über ihren Stand.

Jemand lachte.

Teller klapperten aus einem Café.

Es roch nach Kaffee, warmem Brot, Gewürzen, Käse, Früchten und irgendwo ganz leicht nach Lavendel.

Wir gingen bis ans andere Ende des Platzes.

Dort stand eine Platane.

Darunter ein Café.

Wir setzten uns.

„Deux cappuccinos et un croissant, s'il vous plaît.“

Dann machten wir nichts mehr.

Wir sassen einfach da.

Vor uns zog der Markt vorbei. Menschen blieben stehen, probierten, redeten, handelten, lachten. Ein Hund lag unter einem Tisch. Irgendwo spielte jemand Musik. Die Blätter der Platane bewegten sich über uns und warfen kleine Flecken aus Sonne und Schatten auf den Tisch.

Der Cappuccino kam.

Dann das Croissant.

Ich brach ein Stück davon ab.

Sechs Tage zuvor hatten wir gedacht:

Ja, nett.

Jetzt sassen wir unter einer Platane auf dem Place de Verdun und liessen diese wunderbare Welt einfach auf uns einströmen.

Die Stimmen.

Die Sonne.

Die Gerüche.

Das Leben.

Langsam begriffen wir, was passiert war.

Wir begannen uns in Aix zu verlieben.

Eigentlich fehlten nur noch Juliette Binoche und Johnny Depp, die irgendwo zwischen den Marktständen um die Ecke bogen.

Aber vielleicht waren die längst da.

Wir hatten sie nur noch nicht entdeckt.

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