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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Phoberos (Phoberos).
Veröffentlicht: 24.08.2026. Rubrik: Kürzestgeschichten


Wie klein kann die Welt sein?

Eigentlich wollten wir gar nicht nach Marseille.

Wir wollten nur zur Gare Routière in Aix-en-Provence. Schauen, wo sie ist, von welchem Bussteig die Busse zum TGV-Bahnhof fahren und wie das Ganze funktioniert. Schließlich mussten wir ein paar Tage später wieder nach Hause.

Als wir schon einmal da waren, kam die Idee.

„Wir könnten eigentlich nach Marseille fahren.“

Warum nicht?

Lela sprach eine junge Frau an, die gerade dort stand.

„On peut payer dans le bus?“

Die junge Frau lächelte.

„Oui, oui, on peut payer dans le bus.“

Das genügte uns als Reiseplanung.

Zehn Minuten später saßen wir im Bus nach Marseille.

Am Bahnhof Saint-Charles angekommen, liefen wir gefühlt erst einmal zehn Minuten durch den Bahnhof, dann eine lange Treppe hinunter und danach noch weiter bergab Richtung Vieux-Port.

Marseille war anders.

Lauter. Heisser. Voller.

Menschen überall, Verkehr, Stimmen, Gerüche. Eine völlig andere Welt als das gepflegte, fast schon bürgerliche Aix, aus dem wir gerade gekommen waren.

Irgendwann hatten wir genug von der Sonne und den Menschen und bogen in eine Seitengasse ab. Dann in die nächste.

Keine Autos mehr. Dafür kleine Läden aus allen Herren Ländern. Lebensmittel, Stoffe, Gewürze und Dinge, die wir nicht kannten.

Plötzlich blieb meine Frau vor einem Schaufenster stehen.

„Sieh mal. Diese Gebäcke sehen köstlich aus.“

Wer diesen Satz kennt, weiss, dass damit keine kunsthistorische Betrachtung der Auslage gemeint ist.

Wir gingen hinein.

Eine junge Frau kam auf uns zu.

Sie lächelte, nein sie strahlte uns regelrecht an.

Ich sah sie an.

Warum lächelt die uns so an?

Dann brauchte mein Gehirn noch ungefähr zwei Sekunden.

Nein.

Das gibt's doch nicht.

Es war die junge Frau vom Busbahnhof in Aix.

Diejenige, die wir zwei Stunden zuvor zufällig gefragt hatten, ob man im Bus bezahlen könne.

Wir waren spontan nach Marseille gefahren. Durch einen riesigen Bahnhof gelaufen, eine Treppe hinunter, Richtung Hafen gegangen, wegen der Sonne irgendwo abgebogen, danach noch einmal abgebogen und schließlich wegen ein paar hübscher Gebäcke in irgendeinen kleinen Laden gestolpert.

Marseille hat fast eine Million Einwohner und selbst im Zentrum tausende Läden.

Wir hätten jeden davon betreten können.

Wir betraten ihren.

Manchmal ist die Welt offenbar nicht grösser als eine Bushaltestelle.

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