Veröffentlicht: 30.08.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Die Treppe im Nirgendwo
Es gibt Orte, die man nicht sucht und doch wiederfindet, sobald man die Augen schließt. Einen solchen Ort trage ich seit meiner Jugend mit mir. In einer Kleinstadt im Voralpenland, dort wo sanfte Hügel die Landschaft prägen statt schroffer Berge, führt ein Weg in vielen Schleifen bergan zu einer kleinen, schäbigen Kapelle. Am Anfang der letzten Schleife begann eine einfache, gemauerte Treppe – eine Abkürzung mitten im Wald aus drei Meter hohen Fichten. Wer sie gebaut hatte und wozu, blieb mir immer ein Rätsel. Doch ich erklomm sie regelmäßig. Gegen die frühe Abendzeit malten die wenigen Sonnenstrahlen goldene Muster auf den Beton, und am oberen Ende öffnete sich der Wald auf den Weg, der auf der anderen Seite von haushohen Laubbäumen begrenzt war. Durch ihr Laub entfachte das Licht ein grünes Feuerwerk. Der Kontrast zwischen dem dunklen Wald und der strahlend hellen Lichtung hatte für mich in meiner jugendlichen Unschuld etwas Göttliches. Hunderte Male bin ich diesen Weg gelaufen.
Ende August 2026 quäle ich mich das erste Mal seit vierzig Jahren wieder über die Windungen hinauf.
Während des Aufstiegs denke ich an meinen Schwiegervater, Senhor Edézio. Wie lange muss man jemanden kennen, um ihn zu kennen? Im Jahr 2000 überraschte mich meine damalige Verlobte in Portugal, als sie mir plötzlich ihren Vater präsentierte. Sie hatte ihm den Flug von São Paulo nach Lissabon bezahlt, damit er, wie sie es ausdrückte, „mich evaluiere“. Glücklicherweise erfuhr ich das mit dem Evaluieren erst lange nach der Heirat – ich wäre sonst wohl noch immer Single. Mit fast zweiundsiebzig Jahren zum ersten Mal allein über den Atlantik zu fliegen: Respekt. Als er entdeckte, dass wir schon im selben Zimmer schliefen, hielt er mir einen kurzen Vortrag über Familientradition. Abgeschwächt dadurch, dass er sagte, er wolle mich nicht „gegen die Wand drücken“. Das empfand ich als nett. Wir heirateten etwa neun Monate später.
Unvergesslich blieb uns beiden die Reise nach Gibraltar. Noch im Alter von achtundneunzig Jahren erzählte er immer wieder von den „Affen auf der Mauer“. Zwölf Jahre lebte ich mit Frau und Tochter in Brasilien, anfangs bei der Familie, später im eigenen Heim. Die Verbindung blieb innig.
Inzwischen habe ich die letzte Schleife erreicht. Die Fichten sind verschwunden; gigantische Bäume stehen an ihrer Stelle. Die Treppe suche ich vergebens. Nicht einmal Reste. Wo die haushohen Laubbäume standen, dehnt sich jetzt eine Wiese. Die Kapelle riecht nach Moder und Schimmel. Ich setze mich, falte die Hände. „Vater unser“ ist wie Radfahren – man verlernt es nicht. Danach bleibe ich noch eine halbe Stunde sitzen und meditiere. Die Gedanken kreisen um Embolien und Nierenversagen. Richtige Hoffnung will sich nicht einstellen.
Schließlich mache ich mich auf den Rückweg. Nach wenigen Minuten erreicht mich eine Nachricht meiner Frau, die seit Tagen in Brasilien weilt.
Senhor Edézio verstarb an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruches.
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