Veröffentlicht: 17.09.2026. Rubrik: Satirisches
Alles Wurst
Gustav G. arbeitete seit acht Jahren in der verstaatlichten und danach teilprivatisierten Wurstsemmelfabrik "Jausen & Co".
Er war als Techniker mitverantwortlich für das korrekte Funktionieren der vollautomatischen Wurstsemmelproduktionsanlagen, die hunderttausende von Semmeln pro Tag produzierten.
Manchmal gab es Änderungen im Produktionsablauf. Einmal mussten 50 % der Semmeln zusätzlich Käsescheiben enthalten. Ein andermal war der Durchmesser der Semmeln um 1 Millimeter zu erhöhen. Und so weiter. Es gab immer etwas zu tun für Gustav G. Mit seinem direkten Chef, Bertl D., verstand er sich ausgezeichnet. Es war zwar keine wirkliche Freundschaft, eher eine herzliche Beziehung unter Kollegen.
Alles war eitel Wonne, bis eines Tages die "Clever & Sauer Pausenbrot AG" beschloss, ihre Wurstsemmel bei "Jausen & Co" fertigen zu lassen.

"Gustav Du hast 3 Tage um die Produktion auf 2 Millionen Wurstsemmel pro Tag zu steigern!" sagte Bertl D. an einem Freitag.
"Das ist unmöglich, ich brauche mindestens 3 Wochen dafür", antwortete Gustav G., der gerne die Dinge beim Namen nannte.
"Es ist mir egal! Ich brauche es in 3 Tagen." beharrte Bertl, dem man einen Posten als Bereichsleiter versprochen hatte.
Der treue Gustav versuchte sein Möglichstes, arbeitete auf eigene Rechnung Samstag und Sonntag durch. Doch am Wochenende waren naturgemäß seine Kollegen nicht in der Firma und bald stieß er auf Probleme, die er alleine unmöglich lösen konnte. Eine tiefe Depression mit Selbstmordgedanken war die Folge. Glücklicherweise suchte Gustav G. bei einem Psychiater Hilfe, der ihn 6 Wochen in Krankenstand schrieb. Danach verweilte Gustav auch noch 8 Wochen in einer REHA-Einrichtung, um seinen Fast-Burnout zu behandeln. Dort wurde ihm beigebracht, wie man seine eigenen Bedürfnisse in der Arbeit artikulieren kann. Was man allerdings macht, wenn trotz des Artikulierens die Bedürfnisse ignoriert werden - darauf konnte man ihm keine Antwort geben. Auf Psychopathen war diese Einrichtung offenbar nicht vorbereitet, was seltsam ist, trifft man diese Spezies doch überall im höheren Management.
Gut erholt trat Gustav G. schließlich wieder seinen Job an. Er merkte, dass man die Produktion auch ohne ihn irgendwie zeitgerecht auf 2 Millionen Wurstsemmel pro Tag erhöht hatte. Aber um welchen Preis! Bei 30% der Semmeln fehlte die Wurst, bei 15% fehlte die halbe Semmel und bei 7% kam einfach nur eine leere Verpackung aus dem Automaten. Trotzdem war Bertl D. inzwischen zum Bereichsleiter aufgestiegen. Das hatte sich anscheinend negativ auf seine Laune ausgewirkt. Bei den täglichen Besprechungen bezeichnete er wiederholt die Mitarbeiter anderer Abteilungen als Idioten, die ihren Job nicht verstünden.
Gustav G. machte weiterhin seinen Job nach bestem Wissen und Gewissen und versuchte zu retten was nicht zu retten war.
Eines Tages übernahm ein neuer Generaldirektor, DDDDDDDR Franziskus Fuchskalter, die "Jausen & Co". Seine erste Amtshandlung war, vor versammelter Belegschaft zu erklären, dass er bereits die Salzstangerlfabrik "Aufrecht GmbH" zurechtgebogen habe und guter Dinge sei, die "Jausen & Co" wieder auf Vordermann zu bringen. Seine zweite Amtshandlung war die Entlassung des Abteilungsdirektors der Produktion, weil dieser ihm keinen Zeitplan für die Umstellung von Schinkenwurst auf Pikantwurst nennen konnte. Stattdessen wurde ein Freund von Bertl D., Dr. Ernest Nossia, der neue Abteilungsdirektor der Produktion.
Die dritte Amtshandlung bestand in der Erstellung von Listen mit "Minderleistern".
Auch Gustav G. fand sich plötzlich auf einer solchen und bald riefen ihn Ernest Nossia und Bertl D. zu sich, um ihm eine lange Liste von Verfehlungen zu präsentieren und ihm das Ausscheiden aus dem Unternehmen nahezulegen, gnädigerweise mit einer relativ großzügigen freiwilligen Abfertigung versüsst.
Als Gustav die Liste studierte, hatte er Mühe, ein Lachen zu unterdrücken. Man warf ihm vor, dass er krank geworden war und "dem Team wochenlang gefehlt" habe. Man gab ihm die Schuld am Mäusefraß der Ware, der eindeutig bei einem Kunden passiert war. Er hätte die Verpackung um 0.5 mm verstärken müssen, sozusagen als Vorsichtsmaßnahme. Man teilte ihm mit, dass die Mehrzahl der Kunden seine weitere Mitarbeit ablehnten.
Nach einigem Hin und Her akzeptierte Gustav das Angebot und fand einen neuen Arbeitgebter in der Firma bei der er vorher gearbeitet hatte, die "Happy Toastbrot AG". Dort werkt er glücklich vor sich hin.
Bertl D. starb drei Monate nach Gustavs Ausscheiden im Schlaf an einem Herzinfarkt. Gustavs erster Gedanke war "Da hat es Mal den Richtigen erwischt". Die zweiten Gedanken waren milder und er erkannte, dass er keinen Groll mehr hegte. Er ging nur deshalb nicht zum Begräbnis, weil er an dem Tag - Ironie des Schicksals - einen Termin beim Kardiologen hatte.
Die Kunden der Wurstsemmelfabrik "Jausen & Co" haben sich teilweise an die bis heute fehlerhaften Lieferungen gewöhnt, andere wechselten den Lieferanten.
DDDDDDDR Franziskus Fuchskalter und Ernest Nossia leben noch.
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