Veröffentlicht: 20.09.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Denen man nicht gerne hilft ...
Andreas und Uschi fuhren mit dem Railjet von Wien nach St. Pölten. Der Waggon war halb leer (oder halbvoll) - jedenfalls waren nicht sehr viele Leute unterwegs. In Tullnerfeld taumelte ein aufsehenerregendes junges Pärchen in den Zug: Sie eins fünfundsiebzig, er eins fünfzig. Er stützte sie, denn sie war tot. Jedenfalls klinisch. Und wenn nicht das, so zumindest eine Drogenleiche. Mühsam bugsierte er sie in die Bank gegenüber von Andreas und Uschi auf der anderen Wagenseite. Schwer fielen sie in die Polster, er halb auf sie drauf. Er kümmerte sich rührend um sie, versuchte sie richtig zu Bewusstsein zu bekommen. Schließlich konnte er ihr ein Medikament in den Mund schieben. Die ganze Zeit redete er besorgt auf sie ein. Die meisten Fahrgäste sahen in eine andere Richtung, einige glotzten das Pärchen an und lachten.
"Es gibt keine Hilfsbereitschaft mehr", sagte Uschi mit Tränen in den Augen. Andreas stimmte ihr zu und sie diskutierten eine Weile über die Schlechtigkeit der modernen Welt. Schließlich näherte sich der Zug dem nächsten Bahnhof, St. Pölten. Das Pärchen kam irgendwie auf die Beine und torkelte zum Ausgang. Andreas befand sich in einer Zwickmühle - gerade hatte er noch große Worte mit seiner Frau geschwungen, nun konnte er sie in die Tat umsetzen. Würde er es tun? Oder war es nicht viel sicherer und einfacher "Entschuldigung!" zu murmeln, sich an den beiden vorbeizuschieben und sie ihrem Schicksal zu überlassen?!
"Entschuldigung", wandte er sich an den jungen Mann, der im in dem Moment einigermaßen nüchtern erschien, "kann man Ihnen irgendwie helfen?". Ein dankbarer Blick "Ja bitte, wenn Sie uns beim Aussteigen helfen würden?".
Andreas besuchte seit einem halben Jahr ein Fitnessstudio und so traute er sich trotz seiner fast 60 Jahre zu, diese Aufgabe zu bewältigen. Aber es war schwieriger als gedacht. Die junge Dame machte absolut keine Anstalten die Stufen hinunterzusteigen, und so zog Andreas vorsichtig und so schob ihr Freund mit sanften Worten ("Du musst schon auch mithelfen"). Für Andreas war es danach ein Wunder, dass dieses Dreiergespann nicht das Gleichgewicht verlor und auf den Bahnsteig stürzte. "Soll ich nicht lieber einen Arzt verständigen?" fragte er besorgt, jedoch der junge Mann lehnte fast panisch ab.
Dann zog das Pärchen seines Weges - geradezu auf den gerade anfahrenden Railjet zu. Andreas drückte seinen Rucksack Uschi in die Hand und fing die beiden ab, bevor sie noch Bekanntschaft mit dem Zug machen konnten. Er packte die junge Dame, die inzwischen etwas zu sich gekommen war, am Arm und sicherte damit beide, denn ihr Freund hing an der anderen Seite an ihr. "Wo wollt ihr denn eigentlich hin?" - "Zum Lift, zum Bahnsteig 7". Somit setzte sich der seltsame Tross in Bewegung: mit dem Lift von Bahnsteig 2 nach unten und dann wieder zum Bahnsteig 7 nach oben. "Was hat sie denn genommen? Hat sie das schon öfter gehabt?" fragte Andreas. "M...." etwas Unverständliches, das er sofort wieder vergaß, war die Antwort. Und "Ja, das ist nicht das erste Mal". Inzwischen kamen sie beim gewünschten Zug an. Natürlich kein ebener Einstieg. Und so hob und schob Andreas die Unbekannte auch noch in den Zug, von ihrem fauligen Atem halb betäubt. Inzwischen war sie so weit wieder ansprechbar, dass sie sich eifrig bedankte. Andreas überließ die beiden, halb widerwillig, ihrem Schicksal und nahm seinen Rucksack wieder von Uschi entgegen, die die ganze Zeit hinterhergeeilt war.
Andreas und Uschi gingen in die Tiefgarage, wo sie ihr Auto geparkt hatten. Es war noch ca. eine halbe Stunde nach Hause. "Ich dachte schon, Du würdest ihnen anbieten, sie mit dem Auto nach Hause zu fahren. Das fehlte noch, dass sie uns den Wagen vollkotzt oder einfach stirbt." sagte Uschi. Andreas hatte wohl kurz an diese Möglichkeit gedacht, sie aber dann als übertriebene Hilfsbereitschaft verworfen.
Tage später ließ das Ereignis Andreas immer noch keine Ruhe. Hatte er richtig gehandelt? Ihm wurde klar, dass er Einiges riskiert hatte. Wäre er beim Aussteigen gestürzt und jemand verletzt worden - was dann?
Hätte er einen Arzt informieren sollen oder gleich die Polizei? Aber bis die gekommen wären - unerwünscht - hätten sich die beiden alleine beim Aussteigen den Hals brechen können.
Obwohl er das Thema viel mit Uschi diskutiert hat, ist er bis heute zu keinem schlüssigen Ergebnis gekommen.
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