Veröffentlicht: 30.09.2026. Rubrik: Aktionen
Die Logik der Liebe
Es war ein schöner Herbstmorgen, als sich Mira zusammen mit ihrem Partner Daniel auf den Weg zum Supermarkt machte, um Lebensmittel zu kaufen. Wenn man die Beiden so sah und nicht kannte, würde man denken, sie wären ein ganz normales Paar, je nachdem, was man als normal definierte. Man sah Daniel sein Anderssein keinesfalls an, außer in den Momenten, wo sein gehetzter Blick anzeigte, dass sein Reizfilter überlastet war und er kurz vor einer Überflutung stand. Mira dachte zurück an den Tag, wo sie ihn das erste Mal kennenlernte. Sie hatte gerade ihr Büro betreten, als der Chef hereinkam. Neben ihm ging Daniel. "Guten Morgen, Leute! Das ist Daniel. Er wird bei uns als Buchhalter arbeiten." Er hielt einen Moment inne. "Daniel ist Autist. Ihr werdet ihn wahrscheinlich als sonderbar empfinden, aber bitte integriert ihn. Er ist ein hervorragender Buchhalter, das schwöre ich euch!" Daniel blickte in die Runde, ohne jemanden anzusehen, und antwortete: "Ich freue mich, dieses Team mit meiner Kompetenz komplettieren zu dürfen." Mit diesen Worten setzte er sich an den ihm zugewiesenen Platz.
In den nächsten Wochen und Monaten entwickelte sich zwischen Mira und Daniel eine enge Bindung. Sie wurden schnell Freunde und verbrachten jede freie Minute miteinander. Daniel erzählte ihr, dass er noch nie eine Partnerin hatte, weil er den intimen körperlichen Kontakt, der für sexuelle Aktivitäten nötig wäre, nicht aushalten könnte. Mira war ein wenig enttäuscht. Sie wollte immer schon Kinder, gleichzeitig hatte sie sich in ihn verliebt. Plötzlich war der Kinderwunsch unbedeutsam geworden. Die tiefsinnigen Gespräche, sein klarer Verstand und die Berührungen in Form von festen Umarmungen waren für sie wichtig geworden. Doch zu dieser Zeit sagte Mira noch nichts.
Eines Tages dann, Mira und Daniel saßen wieder zuhause in Miras Zimmer, sah er sie ernst an. "Ich habe unsere Beziehung mathematisch und logisch analysiert und nachgedacht", begann Daniel. "Wenn du es möchtest und meine Unzulänglichkeiten akzeptieren kannst, beabsichtige ich, mit dir eine gleichberechtigte, partnerschaftliche Alianz einzugehen." Wenn Mira daran dachte, musste sie noch immer lächeln. Leider reagierte ihr Umfeld nicht so, wie sie es gehofft hatte. Während Daniels Eltern sich riesig darüber freuten, sahen Miras Eltern und Freunde sie schief an. "Du willst dich mit einem Autisten abgeben? Du weißt doch gar nicht, was du tust! Ein Autist braucht seine Strukturen und Ordnung, und viele sind aggressiv!" "Daniel ist nicht so", erklärte Mira. Dennoch sahen die Anderen dieses Paar eher skeptisch. Natürlich kannte Mira auch die Schattenseiten. Wenn Daniel einen Overload bekam, also zu sehr reizüberflutet wurde, mussten sie sich schnell zurückziehen. Auch war es nicht immer leicht, einen gemeinsamen Nenner zu finden, was Ordnung und Struktur betraf, doch sie schafften auch dies. Nun standen sie kurz vor ihrer Hochzeit. "Hast du dir das gut überlegt?", fragte Miras Mutter. Auch die Freunde zeigten eher verhaltene Reaktionen. "Ihr müsst nicht kommen, wenn ihr unsere Beziehung nicht akzeptieren könnt", sagte Mira nur.
"Wir sollten unser Tempo maximieren", riss Daniels Stimme sie aus ihren Gedanken. "Ansonsten steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Supermarkt überfüllt sein wird, um 50 Prozent." Mira lachte und erhöhte das Tempo. Bald erreichten sie den Supermarkt. Daniel zuckte zusammen, als sie die Menschengruppe sahen, die gerade gleichzeitig einkauften. "Vielleicht sollten wir in Erwägung ziehen, diesen Ansturm taktisch zu umgehen, indem wir warten", meinte Daniel. Mira blickte auf ihre Uhr. Der kleine Zeiger stand auf Acht, der große Zeiger auf Eins. "Das ist heute keine Option", sagte sie sanft. "Um neun Uhr kommt die Kommode für das Schlafzimmer, und ich möchte gerne noch ein wenig frühstücken." Daniel erstarrte mitten in seiner Bewegung. Sein nervöser, gehetzter Blick setzte wieder ein. Die Handwerker, die die Kommode liefern und gleichzeitig montieren würden, waren zwar in Daniels Tagesplan vorhanden, jedoch stresste ihn die Aussicht darauf immer noch. Mira reagierte instinktiv. "Ich übernehme heute den Einkauf. Bleib du hier stehen. Eine Einkaufsliste, was jeder von uns möchte, haben wir ohnehin schon erarbeitet." Daniel entspannte sich sichtlich und lächelte dankbar. Es tat ihm selbst oft weh, dass er Mira nicht so unterstützen konnte, wie er es wollte.
Als die Handwerker kamen, half er nach Kräften mit, auch wenn ihn die fremden Menschen und der Lärm stressten. Doch dadurch ging es auch schneller voran, und am Ende setzte sich Daniel erschöpft, aber glücklich aufs Bett. "Ich habe heute nachgezählt", erklärte er seiner Freundin Mira. "In exakt zehn Tagen treten wir in den Bund der Ehe ein." Mira lächelte und drückte ihren sonderbaren Freund fest. "Ich freue mich wirklich", sagte sie. Daniels Gesicht wurde für einen Moment ernst. "Obwohl meine Kapazitäten oft erschöpft sind, sodass ich mich oft regenerieren muss? Trotz meines Bedürfnisses nach klarer Strukturierung? Selbst, wenn ich nicht immer so emotional sein kann, wie es andere Menschen erwarten?" Mira liefen Tränen über das Gesicht, aber es waren keine traurigen Tränen. "Ich liebe dich so, wie du bist", sagte sie mit fester Stimme, was ihren Freund aufatmen ließ.
Die nächsten Tage vergingen im Flug. Nun war ihr großer Tag gekommen. Mira und Daniel hatten ihre Eltern und Freunde eingeladen, doch Mira war sich nicht sicher, ob jemand kommen würde. Daniels Eltern waren die Ersten, die ankamen. "Gut siehst du aus!", sagte seine Mutter Greta. "Ich bin so froh, dass mein Sohn so eine Perle gefunden hat", meinte sein Vater. Mira strahlte. In zehn Minuten sollte es losgehen. Kurz vor dem großen Moment sah Mira vier bekannte Gesichter. Es waren ihre eltern zusammen mit ihren zwei besten Freundinnen Karin und Celina. "Es tut uns Leid, dass wir uns so ... falsch benommen haben", sagte Miras Mutter. "Uns tut es auch Leid", ergänzte Karin. "Wir werden eure Beziehung jetzt so akzeptieren, wie sie ist und geben euch unseren größten Segen." Mira strahlte noch mehr. Sie hatte nicht nur einen liebevollen Partner gefunden, sondern auch die Akzeptanz und den Segen ihrer engsten Freunde und Eltern bekommen.
2x



