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4xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Evelinya Lyriel (lys).
Veröffentlicht: 12.10.2026. Rubrik: Persönliches


Die leise Sehnsucht

Kapitel 1 – Wenn du wüsstest

Als sie das Café betrat, war sie zehn Minuten zu früh.

Das hatte sie nicht geplant. Zumindest redete sie sich das ein, während sie ihren Mantel auszog und einen Blick durch den gemütlichen Raum schweifen ließ. Draußen hing der Himmel grau und schwer über den Straßen, doch hier drinnen war es warm. Der Duft von frisch gemahlenem Kaffee lag in der Luft, irgendwo klapperte Geschirr, und am Fenster saß ein älteres Paar, das sich über eine Zeitung beugte.

Sie suchte sich einen Tisch am Fenster.

Dann nahm sie ihr Handy aus der Tasche, betrachtete die Uhrzeit und legte es wieder hin.

So viele Jahre.

Es war seltsam, wie lange einem eine Freundschaft fehlen konnte, ohne dass man es sich jeden Tag eingestand. Früher hatten sie beinahe alles miteinander geteilt. Stundenlange Telefonate, alberne Geheimnisse, die ersten Liebeskummergeschichten und jene kleinen Katastrophen, die damals das Ende der Welt bedeutet hatten. Sie hatten sich geschworen, sich niemals aus den Augen zu verlieren.

Und dann war das Leben dazwischengekommen.

Nicht mit einem Streit. Nicht mit einem endgültigen Abschied. Es waren Nachrichten gewesen, die man später beantworten wollte, Besuche, die sich verschoben, Geburtstage, an denen man sich verspätet meldete. Irgendwann waren aus Wochen Monate geworden und aus Monaten Jahre.

Bis vor einigen Wochen eine Nachricht auf ihrem Handy erschienen war.

*Wir sollten uns wirklich mal wiedersehen.*

Und nun saß sie hier.

Sie strich unbewusst über den Stoff ihrer Bluse, rückte den Rock ein wenig zurecht und warf einen Blick in die dunkle Fensterscheibe. Ihr Spiegelbild sah zurück: ein schmales Gesicht, feine Handgelenke, Schultern, die in der Bluse beinahe ein wenig verloren wirkten.

Sie seufzte.

Heute wollte sie sich nicht damit beschäftigen. Heute wollte sie einfach ihre alte Freundin wiedersehen.

Als sie die Türglocke hörte, hob sie den Kopf.

Und da war sie.

Für einen Augenblick erkannte sie sie beinahe nicht. Dann trafen sich ihre Blicke, und das vertraute Lächeln erschien auf dem Gesicht der anderen.

„Das gibt's doch nicht!“

Sie lachten und fielen einander in die Arme.

„Du siehst ja aus wie früher!“, sagte ihre Freundin.

Sie lachte. „Du auch! Na ja, fast.“

Sie hielten einander noch einen Moment fest, als müssten sie sich erst davon überzeugen, dass die andere wirklich da war. Dann traten sie auseinander.

Und sie sah ihre Freundin an.

Nicht flüchtig, nicht so, wie man einen Menschen ansieht, den man zufällig auf der Straße trifft. Sie nahm sich Zeit, betrachtete das Gesicht, die Frisur, die vertrauten Augen. Und schließlich bemerkte sie auch die Veränderung, die ihr sofort ins Auge fiel.

Ihre Freundin war voller geworden.

Nicht dick. Dieses Wort wäre ihr nicht einmal in den Sinn gekommen. Sie war einfach kräftiger als früher, mit weicheren Rundungen, einer volleren Silhouette und einer Selbstverständlichkeit in ihren Bewegungen, die ihr gefiel. Ihre Bluse lag angenehm über ihren Schultern und ihrer Brust, und als sie sich setzte, fiel der Stoff ihres Kleides in sanften Linien über ihre Hüften.

Sie sah gesund aus. Weiblich. Schön.

Und, wie sie mit einem kleinen Stich im Herzen feststellte, genau so, wie sie selbst gern aussehen würde.

Der Gedanke kam so plötzlich, dass sie sich beinahe dafür schämte.

Sie freute sich ehrlich für ihre Freundin. Natürlich tat sie das. Aber gleichzeitig spürte sie diesen vertrauten, stillen Wunsch, der sie seit Jahren begleitete. Sie wollte nicht unbedingt anders sein als sie selbst. Sie wollte nur ein wenig mehr von dem haben, was ihr zu fehlen schien.

Ein bisschen mehr Fülle. Ein bisschen mehr Rundung. Ein Körper, der nicht bei jeder Bewegung daran erinnerte, wie schmal er war.

„Was ist?“, fragte ihre Freundin und zog eine Augenbraue hoch. „Warum schaust du mich so an?“

„Gar nichts!“, sagte sie rasch. „Ich freue mich nur, dich zu sehen.“

„Das hoffe ich doch.“

Sie lachten, und für einen Moment war alles wieder wie früher.

Die Bedienung kam, brachte zwei Speisekarten und fragte nach ihren Wünschen. Sie bestellten Kaffee, und während die Tassen auf den Tisch gestellt wurden, begannen sie, sich gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen.

Es gab viel zu erzählen. Von der Arbeit, von Wohnungen, von Menschen, die geblieben waren, und solchen, die längst aus ihrem Leben verschwunden waren. Sie hörte zu, lachte an den richtigen Stellen und stellte Fragen. Es tat gut, die vertraute Stimme zu hören. Sie merkte, dass sie sich bei ihrer Freundin noch immer nicht verstellen musste.

Dann kam die Bedienung mit der Kuchentafel.

„Wir haben heute Apfelkuchen, Käsekuchen und Schokoladentorte.“

Ihre Freundin beugte sich interessiert vor.

„Oh, Schokoladentorte! Die sieht ja fantastisch aus.“

Sie blickte zur Kuchentafel. Die Torte war dunkel und glänzend, mit einer feinen Schicht Schokoladenglasur und einer kleinen Sahnerosette am Rand.

Sie liebte Schokoladentorte.

Das war das Ärgerliche daran.

„Ich nehme ein Stück davon“, sagte ihre Freundin. „Und du?“

Sie sah noch einmal auf die Tafel.

Käsekuchen. Apfelkuchen. Schokoladentorte.

In ihrem Kopf begann bereits die Rechnung.

Sie hatte heute Morgen gefrühstückt. Nicht besonders viel, aber genug, dass sie es nicht einfach vergessen konnte. Das Mittagessen hatte sie bewusst leicht gehalten. Wenn sie jetzt ein Stück Kuchen aß, musste sie am Abend auf etwas verzichten. Vielleicht auf die kleine Zwischenmahlzeit, die sie eigentlich eingeplant hatte. Oder auf das Brot zum Abendessen.

Sie hasste diese Rechnerei.

Vor allem, weil sie ihr so wenig brachte.

Seit Monaten versuchte sie, zuzunehmen. Sie führte Listen, stellte sich regelmäßig auf die Waage und nahm sich immer wieder vor, konsequenter zu sein. Mehr essen. Nicht nach zwei Bissen satt sein. Nicht glauben, dass eine zusätzliche Portion schon zu viel wäre. Es klang so einfach, wenn andere darüber sprachen.

In der Wirklichkeit war es mühsam.

Manchmal fühlte sie sich, als müsse sie den ganzen Tag gegen ihren eigenen Körper verhandeln.

„Ich glaube, ich nehme auch Kuchen“, sagte sie schließlich.

Ihre Freundin lächelte. „Gut so. Dann können wir uns etwas gönnen.“

Etwas gönnen.

Sie nickte, als wäre das eine Selbstverständlichkeit.

„Für mich bitte auch Schokoladentorte“, sagte sie zur Bedienung.

Als die Frau gegangen war, betrachtete sie ihre Freundin, die sich bereits wieder entspannt zurücklehnte.

„Weißt du noch“, sagte diese, „wie wir früher nach der Schule immer in dieses kleine Café gegangen sind? Das mit den furchtbaren Stühlen und dem unglaublich guten Kuchen?“

„Und wie du jedes Mal behauptet hast, du würdest nur ein kleines Stück nehmen?“

„Ich habe tatsächlich kleine Stücke genommen!“

„Du hast immer das größte Stück auf der Karte bestellt.“

Ihre Freundin lachte so herzlich, dass sie mitlachen musste.

Und da war es wieder: dieses Gefühl, das sie schon beim ersten Anblick ihrer Freundin gehabt hatte.

Wie schön es sein musste, so selbstverständlich mit Essen umgehen zu können.

Sie wusste natürlich nicht, was ihre Freundin dachte. Vielleicht machte sie sich überhaupt keine Gedanken darüber. Vielleicht freute sie sich einfach auf die Schokoladentorte. Vielleicht war es für sie tatsächlich nur Kuchen.

Für sie selbst war es das nie ganz.

Als die Teller kamen, sah sie zuerst auf die Torte ihrer Freundin und dann auf ihre eigene.

Die Stücke waren großzügig geschnitten. Auf der dunklen Oberfläche glänzte die Glasur, und neben jedem Stück lag ein kleiner Klecks Sahne.

Ihre Freundin nahm die Gabel, schnitt ein Stück ab und führte es zum Mund.

Sie schloss für einen kurzen Moment die Augen.

„Mmmh. Die ist wirklich gut.“

Dann nahm sie den nächsten Bissen.

Sie selbst hielt ihre Gabel noch in der Hand.

Sie betrachtete die Torte, als könnte sie in ihrer Oberfläche lesen, was sie später bereuen würde. Dann schnitt sie eine kleine Ecke ab und probierte.

Die Schokolade schmolz auf ihrer Zunge. Der Kuchen war weich, süß und genau so köstlich, wie sie es erwartet hatte.

Für einen Augenblick vergaß sie die Zahlen.

Dann kamen sie zurück.

Wie viel mochte das Stück wohl haben? Dreihundert Kalorien? Vierhundert? Vielleicht mehr? Sie wusste, dass sie solche Schätzungen nicht zuverlässig vornehmen konnte, und trotzdem versuchte sie es. Es war, als wäre die Rechnung ein Reflex geworden, den sie nicht mehr abstellen konnte.

Sie sah auf den Teller ihrer Freundin.

Dort fehlte bereits ein beträchtliches Stück.

Ihre Freundin unterdessen erzählte gerade von einer Kollegin, die sich bei einer Besprechung hoffnungslos verplappert hatte. Sie gestikulierte mit der Gabel, lachte mitten im Satz und nahm zwischendurch noch einen Bissen.

Sie wirkte vollkommen unbeschwert.

Und sie war wunderschön.

Nicht auf diese zerbrechliche, beinahe durchsichtige Weise, an die sie sich bei ihrem eigenen Spiegelbild gewöhnt hatte. Ihre Freundin wirkte weich und lebendig. Sie hatte eine Präsenz, die den Raum nicht beherrschte und dennoch spürbar war. Wenn sie lachte, schien ihr ganzes Gesicht daran teilzunehmen.

Sie wünschte sich, sie könnte sich selbst einmal so sehen.

Nicht als eine Sammlung aus zu schmalen Stellen, zu wenig Gewicht und Kleidungsstücken, die noch immer nicht so saßen, wie sie sollten. Sondern einfach als Frau.

Als eine Frau, die schön sein durfte, ohne dass sie erst etwas an sich ändern musste.

„Und?“, fragte ihre Freundin plötzlich. „Schmeckt's dir?“

Sie blickte auf.

„Ja, sehr.“

„Du isst aber langsam.“

Sie erstarrte beinahe.

War es ihr aufgefallen? Hatte sie etwas bemerkt? Sah man ihr an, wie viel Überwindung es sie kostete, nicht nur ein paar Bissen zu nehmen, sondern das ganze Stück zu essen?

Doch ihre Freundin lächelte nur.

„Ich dachte schon, du hättest deinen Appetit verloren.“

„Nein, nein.“ Sie zwang sich zu einem Lachen. „Ich genieße nur.“

Ihre Freundin nickte zufrieden und wandte sich wieder ihrer eigenen Torte zu.

Sie senkte den Blick.

Genießen.

Wie oft hatte sie sich vorgenommen, das Essen einfach zu genießen? Wie oft hatte sie anderen dabei zugesehen und sich gefragt, warum es bei ihr so kompliziert war?

Sie schnitt ein weiteres Stück ab.

Ihre Freundin hatte inzwischen mehr als die Hälfte ihrer Torte gegessen. Sie schien nicht einmal darüber nachzudenken, ob sie noch einen Bissen nehmen sollte. Sie nahm ihn einfach.

Und sie selbst saß da, mit einer Gabel in der Hand, und versuchte, nicht neidisch zu sein.

Es war ein unsinniger Gedanke. Sie liebte ihre Freundin. Sie wollte, dass es ihr gut ging. Sie gönnte ihr die Freude an dem Kuchen und die schönen Rundungen, die ihr selbst so sehr gefielen.

Aber gönnen und sich wünschen, man hätte es selbst, waren zwei verschiedene Dinge.

Sie blickte auf ihre eigene Torte.

Dann wieder auf ihre Freundin.

*Wenn du wüsstest*, dachte sie.

Wenn du wüsstest, wie oft ich mir wünsche, so auszusehen wie du.

Wenn du wüsstest, wie gern ich einmal essen würde, ohne danach im Kopf den ganzen Tag neu berechnen zu müssen.

Wenn du wüsstest, wie sehr ich dich gerade beneide.

Sie lächelte, als ihre Freundin etwas erzählte, das sie zum Lachen brachte.

Und nahm einen weiteren Bissen.

Kapitel 2 – Wenn du wüsstest

Sie hatte sich dreimal umgezogen, bevor sie das Haus verließ.

Beim ersten Kleid hatte sie das Gefühl gehabt, ihre Hüften wirkten darin zu breit. Das zweite war an der Taille zu eng gewesen, zumindest in ihren Augen. Beim dritten hatte sie sich vor dem Spiegel gedreht, den Bauch eingezogen und die Schultern zurückgenommen. Für einen kurzen Moment hatte sie sich eingeredet, dass es ganz gut aussah.

Dann hatte sie sich von der Seite betrachtet.

Sie hatte die Schultern sinken lassen.

Nun trug sie eine dunkle Hose, eine helle Bluse und einen Mantel, der ihre Figur vorteilhaft umspielte. Nichts Besonderes. Nichts, worüber sie sich normalerweise Gedanken gemacht hätte. Aber heute war kein gewöhnlicher Tag.

Heute würde sie ihre alte Freundin wiedersehen.

Sie freute sich darauf. Wirklich.

Und doch hatte sie sich schon am Morgen dabei ertappt, wie sie darüber nachdachte, was ihre Freundin wohl von ihr halten würde. Ob sie sich verändert hatte. Ob sie ihr ansehen würde, dass sie in den vergangenen Jahren immer wieder versucht hatte, ein wenig abzunehmen. Ob sie bemerken würde, dass die Hose an den Oberschenkeln anders saß, als sie es gern gehabt hätte.

Es war lächerlich. Sie waren einmal so eng miteinander gewesen, dass sie sich nicht einmal vor ihren größten Peinlichkeiten geschämt hatten. Sie hatten gemeinsam geweint, gelacht und sich Dinge anvertraut, die sie sonst niemandem erzählt hätten.

Und nun machte sie sich Gedanken darüber, wie sie auf sie wirken könnte.

Als sie das Café betrat, sah sie ihre Freundin sofort.

Sie saß am Fenster und schaute gerade auf ihr Handy. Als sie die Tür hörte und den Kopf hob, veränderte sich ihr Gesicht. Ein Lächeln breitete sich über ihre Züge aus, und im nächsten Moment stand sie auf.

„Das gibt's doch nicht!“

Sie umarmten sich.

Es war ein seltsames Gefühl, einen Menschen zu berühren, den man so lange nicht gesehen hatte und der sich gleichzeitig noch immer vertraut anfühlte. Für einen Moment war sie wieder jung. Für einen Moment gab es keine Jahre, die vergangen waren, keine Veränderungen, keine kleinen Enttäuschungen, die sich über die Zeit angesammelt hatten.

Dann traten sie auseinander.

Sie sah ihre Freundin an und musste lächeln.

Sie war so schmal.

Nicht auf eine ungesunde oder gar erschreckende Weise. Ihre Freundin war einfach eine zierliche Frau. Ihr Gesicht wirkte fein, ihre Handgelenke waren schmal, und selbst ihre Schultern schienen weniger Platz einzunehmen als die anderer Menschen. Ihre Bluse fiel locker an ihr herab, und ihre Bewegungen hatten etwas Leichtes, beinahe Müheloses.

Sie sah elegant aus.

Und wunderschön.

Sie spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog.

Sie hatte sich so oft gewünscht, ein wenig schmaler zu sein. Nicht, weil sie ihren Körper grundsätzlich hasste. Es gab durchaus Tage, an denen sie sich mochte. Tage, an denen sie ein Kleid anzog, das ihre Rundungen betonte, und sich im Spiegel gefiel.

Aber dann gab es diese anderen Tage.

Tage, an denen sie sich im Schaufenster einer Boutique sah und den Blick schnell wieder abwandte. Tage, an denen sie vor dem Kleiderschrank stand und das Gefühl hatte, nichts sehe an ihr so aus, wie es sollte. Tage, an denen sie sich vornahm, endlich konsequent zu sein, nur um am Abend festzustellen, dass sie wieder einmal gegen ihre eigenen Vorsätze gekämpft hatte.

Ihre Freundin sah aus, als müsse sie sich über all das keine Gedanken machen.

„Was ist?“, fragte diese und lächelte. „Warum schaust du mich so an?“

„Gar nichts! Ich freue mich nur, dich zu sehen.“

Das war nicht gelogen.

Sie freute sich. Sie war glücklich, dass sie sich wiedergefunden hatten. Und sie gönnte ihrer Freundin, dass sie so aussah, wie sie aussah.

Trotzdem hätte sie gern mit ihr getauscht.

Nur für einen Tag vielleicht.

Nur einmal morgens aufwachen und sich nicht überlegen müssen, ob die Hose heute unangenehm sitzen würde. Nur einmal ein Stück Kuchen bestellen, ohne vorher darüber nachzudenken, wie sie es am Abend wieder ausgleichen könnte.

Sie setzten sich, bestellten Kaffee und begannen zu erzählen.

Es war erstaunlich, wie schnell sie wieder miteinander lachen konnten. Die Jahre verschwanden nicht wirklich, aber sie schienen für eine Weile weniger wichtig zu sein. Sie erzählten von der Arbeit, von Bekannten und von Dingen, die sich seit ihrem letzten Treffen verändert hatten. Sie erinnerten sich an gemeinsame Erlebnisse, an alte Streiche und an Menschen, deren Namen sie lange nicht mehr ausgesprochen hatten.

Es tat gut.

Und doch ertappte sie sich dabei, wie ihr Blick immer wieder zu ihrer Freundin wanderte.

Wie selbstverständlich sie dort saß. Wie locker sie ihre Hände auf den Tisch legte. Wie wenig sie offenbar darüber nachdachte, ob ihre Kleidung sie vorteilhaft aussehen ließ.

Vielleicht war das alles nur Einbildung.

Vielleicht machte sich ihre Freundin genauso viele Gedanken wie sie selbst.

Aber das konnte sie sich kaum vorstellen.

Als die Bedienung mit der Kuchentafel kam, beugte sie sich vor.

Schokoladentorte.

Schon beim Anblick lief ihr das Wasser im Mund zusammen.

„Oh, die sieht ja fantastisch aus!“, sagte sie.

Sie mochte Kuchen. Sie mochte den süßen Geschmack, die weiche Konsistenz und dieses kleine Gefühl von Geborgenheit, das sich manchmal einstellte, wenn sie sich am Nachmittag mit einer Tasse Kaffee hinsetzte. Kuchen war für sie nicht bloß Nahrung. Er gehörte zu den schönen Dingen des Lebens.

Zumindest sollte er das.

In letzter Zeit war es ihr allerdings immer schwerer gefallen, ihn einfach nur zu genießen.

Sie hatte sich vorgenommen, abzunehmen. Nicht dramatisch viel, sagte sie sich immer wieder. Nur ein wenig. So viel, dass sie sich in ihrer Kleidung wohler fühlen würde. So viel, dass sie morgens nicht schon beim Anziehen über ihren Körper nachdenken musste.

Sie hatte Listen geschrieben und wieder verworfen, Mahlzeiten geplant und sich neue Regeln gesetzt. Manchmal funktionierte es ein paar Tage lang. Dann kam eine Einladung, ein stressiger Arbeitstag oder schlicht ein Abend, an dem sie müde war und keine Lust mehr hatte, über jede Kleinigkeit nachzudenken.

Und dann ärgerte sie sich.

Nicht einmal unbedingt über das Essen selbst. Sondern darüber, dass es ihr so schwerfiel, bei ihren Vorhaben zu bleiben.

„Ich nehme ein Stück Schokoladentorte“, sagte sie.

Ihre Freundin sah zur Kuchentafel.

„Ich glaube, ich nehme auch Kuchen.“

Für einen winzigen Moment war sie überrascht.

Sie hätte nicht sagen können, warum. Natürlich durfte ihre Freundin Kuchen essen. Warum sollte sie auch nicht? Aber irgendwie hatte sie erwartet, dass diese etwas anderes bestellen würde. Vielleicht einen Kaffee, vielleicht ein kleines Gebäckstück.

Etwas, das zu ihrer zierlichen Erscheinung passte.

Der Gedanke war ungerecht, und sie wusste es.

Trotzdem blieb er.

Als die Bedienung gegangen war, lachten sie über ihre alten Cafébesuche. Sie erinnerten sich daran, wie sie nach der Schule manchmal viel zu lange gesessen und sich Geschichten ausgedacht hatten, die sie später wieder vergessen hatten.

Es war schön, dass ihre Freundin sich an dieselben Dinge erinnerte.

Als die Torte kam, sah sie ihren Teller an.

Das Stück war groß, größer, als sie erwartet hatte. Die dunkle Glasur glänzte im Licht, und die Sahne daneben sah beinahe verschwenderisch aus.

Sie nahm die Gabel.

Der erste Bissen schmeckte köstlich.

Der zweite auch.

Sie erzählte gerade von einer Kollegin, die sich bei einer Besprechung hoffnungslos verplappert hatte, und musste mitten im Satz lachen. Dabei bemerkte sie, dass ihre Freundin kaum von ihrem Kuchen gegessen hatte.

Sie hielt kurz inne.

Vielleicht schmeckte er ihr nicht.

Oder vielleicht war sie einfach nicht so hungrig.

Ihre Freundin betrachtete den Teller, schnitt ein kleines Stück ab und führte es zum Mund. Dann legte sie die Gabel wieder hin.

Sie spürte einen kleinen Stich des Neids.

Wie schön es sein musste, so wenig essen zu können und trotzdem zufrieden zu sein.

Sie selbst hätte den Kuchen gern genossen, ohne dass sich nach wenigen Bissen diese vertraute Unruhe meldete. Sie wollte nicht immer überlegen, ob sie noch ein Stück nehmen sollte. Sie wollte nicht jedes Mal mit sich selbst verhandeln, wenn sie etwas besonders gern mochte.

Ihre Freundin schien das alles nicht zu kennen.

Sie aß ein wenig, hielt inne, lächelte und hörte zu.

Es sah so einfach aus.

„Schmeckt's dir?“, fragte ihre Freundin.

„Ja, sehr!“

Und das stimmte. Die Torte war wunderbar.

Sie schnitt ein weiteres Stück ab.

Vielleicht sollte sie langsamer essen. Vielleicht sollte sie aufhören, solange sie noch zufrieden war. Vielleicht wäre es besser, den Rest einzupacken. Sie könnte ihn später jemandem mitbringen oder morgen essen. Dann hätte sie nicht das Gefühl, etwas wegwerfen zu müssen, und könnte trotzdem bei ihrem Vorhaben bleiben.

Sie betrachtete ihre Freundin.

Diese saß ihr gegenüber, schmal und zierlich, und wirkte beinahe verloren hinter ihrer Kaffeetasse. Ihre Bewegungen waren fein, ihre Gesten zurückhaltend. Wenn sie lachte, neigte sie den Kopf ein wenig zur Seite.

Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie sich zuletzt so leicht gefühlt hätte.

Nicht körperlich leicht. Sie wusste, dass das nicht dasselbe war.

Sie meinte dieses andere Gefühl. Die Vorstellung, sich nicht ständig selbst beobachten zu müssen. Nicht bei jeder Mahlzeit, nicht vor jedem Spiegel, nicht bei jedem Kleidungsstück.

Sie wünschte sich, sie könnte einfach sein.

Einfach sitzen, essen, lachen und sich unterhalten, ohne dass ein Teil ihres Kopfes ununterbrochen damit beschäftigt war, was sie gerade tat und ob sie es später bereuen würde.

Ihre Freundin war inzwischen wieder bei ihrer Geschichte angelangt. Sie erzählte mit leuchtenden Augen, gestikulierte mit der Gabel und lachte über ihre eigene Pointe.

Sie lächelte.

Sie mochte dieses Lachen. Sie hatte es vermisst.

Und gleichzeitig beneidete sie ihre Freundin darum, wie leicht sie ihr vorkam.

Sie sah auf deren Teller.

Dort lag noch fast die Hälfte des Kuchens.

Ihre Freundin schien es nicht eilig zu haben. Sie schnitt ein kleines Stück ab, kaute langsam und hörte weiter zu.

Sie blickte auf ihren eigenen Teller.

Sie hatte bereits mehr als die Hälfte gegessen.

Plötzlich fühlte sie sich unwohl.

Nicht, weil der Kuchen nicht schmeckte. Sondern weil sie sich fragte, ob ihre Freundin den Unterschied bemerkte. Ob sie sah, wie viel sie gegessen hatte. Ob sie sich fragte, warum eine Frau, die doch offensichtlich schon kräftig genug war, nicht einfach aufhören konnte.

Sie wusste nicht, ob ihre Freundin überhaupt einen solchen Gedanken hatte.

Aber allein die Möglichkeit genügte, um sie verlegen zu machen.

Sie legte die Gabel hin.

„Magst du nicht mehr?“, sagte ihre Freundin.

Sie blickte auf.

Sie wusste nicht recht, was sie darauf antworten sollte. Sie hätte gern gesagt, dass sie den Kuchen genoss. Dass er wirklich gut schmeckte. Dass sie nur kurz über etwas nachgedacht hatte.

Stattdessen lachte sie.

„Ich genieße nur.“

Ihre Freundin nickte und wandte sich wieder ihrer eigenen Torte zu.

Sie sah ihr dabei zu.

Dann nahm sie die Gabel wieder auf.

Sie wollte nicht, dass dieser Nachmittag zu einem weiteren Tag wurde, an dem sie sich selbst etwas verbot. Sie wollte mit ihrer Freundin zusammensitzen und sich freuen, dass sie einander wiedergefunden hatten. Sie wollte nicht, dass ausgerechnet ein Stück Kuchen zwischen ihnen stand.

Also aß sie weiter.

Bissen für Bissen.

Und während ihre Freundin erzählte und lachte, dachte sie daran, wie beneidenswert es sein musste, so schmal zu sein.

Wie beneidenswert es sein musste, sich morgens anzuziehen, ohne erst zu überlegen, was man verstecken sollte.

Wie beneidenswert es sein musste, den eigenen Körper nicht bei jeder Gelegenheit als etwas zu betrachten, das man verbessern musste.

Sie wusste, dass sie ihre Freundin nicht wirklich kannte. Nicht mehr. Vielleicht hatte sich auch deren Leben verändert. Vielleicht gab es Sorgen, von denen sie nichts wusste.

Aber wenn sie ihre Freundin ansah, sah sie eine Frau, die etwas besaß, das sie selbst so gern gehabt hätte.

Sie sah Leichtigkeit.

Und sie wünschte sich, nur ein kleines bisschen davon zu haben.

Als sie schließlich auf ihren Teller blickte, war nur noch ein kleines Stück Kuchen übrig.

Sie zögerte.

Dann schob sie den Teller ein wenig von sich weg.

Ihre Freundin bemerkte es nicht. Sie war gerade damit beschäftigt, eine Geschichte zu Ende zu erzählen, und lachte über die Erinnerung.

Sie lächelte ebenfalls.

Sie wollte diesen Nachmittag genießen. Sie wollte sich an das Wiedersehen erinnern, an das Lachen, an die vertraute Stimme. Sie wollte nicht später im Bett liegen und sich über ein Stück Kuchen ärgern.

Doch während sie ihrer Freundin zuhörte, dachte sie unwillkürlich:

*Wenn du wüsstest.*

Wenn du wüsstest, wie gern ich so aussehen würde wie du.

Wenn du wüsstest, wie oft ich mir wünsche, so wenig essen zu können wie du.

Wenn du wüsstest, wie sehr ich dich gerade beneide.

Sie sah ihre Freundin an.

Diese lächelte ihr zu, warm und vertraut, wie damals.

Und sie lächelte zurück.

Sie ahnte nicht, dass ihre Freundin gerade dasselbe dachte.

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Geschichte Nummer 11036

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