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geschrieben 2026 von Herbstsonne.
Veröffentlicht: 23.10.2026. Rubrik: Menschliches


Metzger trifft Salatschüßelchen

Diese Geschichte will nicht moralisieren, sie will erzählen, die Geschichte von Metzger Müllereigensdorf.

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Inhale, exhale ... Husten ... Besorgter Blick von der Seite: „Sie müssen aufhören zu rauchen, Herr Müllereigensdorf.“ Ach was, erzähl mir was Neues, dachte er, sein Unterhemd zurechtzupfelnd, ehe er die Hosenträger über die Schultern schnalzen ließ, mit einer Bestimmtheit, die ausdrücken sollte, dass sie hier fertig waren.

Alle zwei Jahre ließ er sich hier, seit er Helene damals kennengelernt hatte, in der Praxis von Doktor Kreiansfelder durchchecken, zuerst auf Verlangen, später durch abgerungene Versprechen. Zugegebenermaßen zeigten sich die Checkups aber immer wieder als vergebene Liebesmüh, er hustete, was soll man machen, einem alten Gaul bringt man eben keine Kunststücke mehr bei, bei ihm verhielt es sich ganz genau so.

Mit Ratschlägen und dazu passenden Flyern im Gepäck, welche besagten, er solle mehr Obst und Gemüse essen, mindestens aber schon einmal mit dem obligatorischen Apfel am Tag beginnen, sowie den Öffnungszeiten des Wochenmarktes verließ er die Praxis am Jakobsplatz und bog in die Travelstreet ein, die tatsächlich so hieß. Touristen sollten sich hier heimisch fühlen, und er tat es auch, denn hier lag ein Metzger, und wo ein Metzger lag, war auch er zu Hause.

Das war nicht immer so. Als Jugendlicher hatte er heftige ethische Bedenken gehabt, als sein Vater ihn eines Abends zur Seite genommen hatte und mit einer Festigkeit in der Stimme, die keinen Widerspruch zuließ, zu ihm gesagt hatte: „Junge, du wirst ein Metzger und damit Ende der Durchsage.“ Er hatte sich zu winden versucht, hatte versucht, eine andere Arbeit zu finden, doch als er bei Schuhe Mayers die teuren Schuhbeläge für Sommer und Winter verwechselte, was das schöne Stiefelettenpaar von Fräulein Glöckchen ruiniert hatte, war er geflogen, bevor er eingestellt werden konnte. Sein zweiter Versuch lag die Ecke runter bei Straßenmeister Hannes, doch kein Hinreden der Welt half, es gab kein Unterkommen. Hannes, der eher scheue und im Leben zurückhaltende Mann, pflegte lieber alleine zu arbeiten. Ja, und bei der Zeitung, da waren die Meldungen so brandfrisch, sodass er als Junior Müllereigensdorf, der er stets zu Fuß unterwegs gewesen war, bei jeder Eilmeldung, die reinkam, erst dann am Ort des Geschehens war, wenn sich längst Menschentrauben aufgelöst hatten und alle in die Winde davonstoben waren. Nur er war zurückgeblieben mit zertrümmerten Blumentöpfen am Straßengraben, einem umgefahrenen Laternenmast oder einem eingeschlagenen Schaufenster, das bereits abgeklebt war, so ging das nicht. Als all diese Versuche fehlgeschlagen waren und seinem Vater die Krawatte immer enger vor Zorn um den Hals saß, war er dann doch Metzger geworden, bei Metzgermeister Klausen, Familienbetrieb, 4 Generationen.

Er seufzte, als er an seine schwierigen ersten Tage als Metzgerlehrling dachte, und er dachte bei sich, wie das Leben einen hernahm, wie selten es doch Schwarz und Weiß gab, sondern wie oft das Leben doch ein Grau war. Oder redete man sich das Grau nur oft schön? Er glaubte beides. Mal muss man radikal Weiß oder Schwarz denken und manchmal, da ist einfach Grau der Weg, den man nur gehen kann, wenn man im Leben nicht verrückt werden will. Verrückt vielleicht von allen Erwartungen, die man an sich selbst stellt und die andere an einen stellen. Verrückt vor allem, was es zu tun und zu lassen gilt, vor Sehnsucht, vor Wut, vor Angst und Verlust, vor Liebe und Euphorie, vor Mitgefühl und gestellter Moral.

Er musste bald erkennen, dass auch er in der Metzgerstube nicht drum herum kam, Tiere zu töten. Nicht selten rannen ihm dabei die Tränen die Wangen hinab, was seine Kollegen aufgrund der Wärme für Schweiß hielten. Er streichelte meist für einige Sekunden das verängstigte, vor ihm stehende Tier, welches ihn wissend in die Augen sah. Dann legte er den Kolben zwischen die Augen des Tieres und sprach ein paar beruhigende Worte, entschuldigte sich im Geiste für seinen Tod und bedankte sich bei ihm dafür, dass die Kunden der Metzgerei es essen durften, dann drückte er ab. Das Tier fiel, es zuckte, dann wich die Seele aus dem Körper und Müllereigensdorf hoffte, Gott würde seinen Arm aufhalten und es bei sich aufnehmen.

Vor dem Metzger in der Travelstreet bildete sich eine Schlange, eine Touristengruppe Chinesen kaufte gerade Blutwurst ein. Er stellte sich etwas abseits an und steckte sich eine Zigarette in den Mund. Schnipp, flammte das Zippo in seinen Händen auf, und die Zigarette verwandelte sich in ein Glühwürmchen inmitten der Menge aus verpackter Wurst, schwarzem Haar und Straßenplänen.

Er hustete, heftig, er musste davon würgen, doch es kam nichts. Er spuckte am Rinnstein aus und zertrat die Zigarette nach einem weiteren Zug erfolglosen Einsaugens unter seiner Schuhspitze.

Die Masse strömte ab und die Türe zum Laden gab sich frei. Er öffnete sie mit einem starken Griff und ihm war wie immer ganz so, als würde Helene gleich am Tresen stehen, Helene, immer der Grund dafür, warum er sich in jeder Metzgerei der Welt für alle Zeit zu Hause fühlen würde. Erinnerung. Helene, die ihn stets, wenn er im Ladengeschäft, in dem sie arbeiteten, eingetreten war, angelächelt und begrüßt hatte und ihn an einem jeden Samstag mit großen treuen Augen erwartungsvoll ansah, wohin sie am nächsten Samstag nach getaner Arbeit wohl ausgehen würden.

Helene war Fleisch- und Wurstwarenfachverkäuferin, er inzwischen Metzgergeselle. Sie waren bisher zusammen ein paarmal ausgegangen, dann hatte er um Verlobung gefragt und schließlich wurde sie schwanger. Es musste schnell gehen und sie heirateten. Die erste gemeinsame Wohnung, welche für immer ihre einzige blieb, bis zum Schluss. Der nächste Hustenschwall durchschüttelte ihn und er sah auf den Schweinekopf in der Auslage in der Travelstreet, der obenauf mit einer Apfelscheibe drapiert war. Vielleicht sollte er ja wirklich etwas mehr Obst essen?

Er bestellte sich ein Menü mit Sülze und Kartoffeln, dann stellte er sich an einen der kleinen Bistrotische und begann zu essen.

Helene, dachte er, Helene, sie war eine wunderbare Frau gewesen. Hinterher war sie hinter ihm, verurteilt hatte sie seine Angewohnheiten, die sie oft so ungesund fand. Zu viel Fernsehen, zu wenig Bewegung, zu fettes Essen, nicht zu vergessen seine Glühwürmchen, die tags wie nachts in der Dunkelheit glimmten, während er immer stärker hustete, aber ja, er liebte sie und sie hatte ihn geliebt, und damals war er ihr zuliebe ein Stück weit verständig gewesen, doch das Rauchen gab er nie auf.

Auch zum Salat gab es eine goldene Regel: Kam Grün auf den Tisch, dann nur in Kombination mit Schnitzel und Pommes. Ausgewogenheit war wichtig, heute lernte man das überall.

Gerade als er aufgegessen und sich mit der Serviette die Speisereste aus seinem faul gepflegten Dreitagebart gewischt hatte, stellte sich jemand zu ihm an den Bistrotisch. Er sah im Augenwinkel eine Frauengestalt, welche recht adrett anmutete, einen Teller Debreziner, dazu Senf und eine Brezel. Er wollte sich gerade mit einem Gruß entfernen, als er innehielt, es stand noch ein Gegenstand auf dem Tisch. Als er etwas genauer hinsah, erkannte er, es war ein Schüsselchen Salat.

Er musste lächeln, dann grüßte er und verschwand durch die Tür nach draußen.

Lange noch ging ihm ab da diese Frau nicht mehr aus dem Kopf. Am Wochenmarkt kaufte er nun immer etwas Salat ein, nicht um ihn zu essen, nein, so weit her war es dann doch noch nicht. Aber man wusste ja nie, ob er sie mal wieder traf, vielleicht würde sie eines kühnen Tages ja auch zu ihm kommen? In Helens und seiner Wohnung war seit dem Tod von Helene noch jede Menge Platz und der wohnliche Einrichtungsstil von Helene war einladend und willkommenheißend, da war es doch gut, falls er ein Salatdressing zubereiten konnte, das ihr schmecken würde, oder?

Drei Wochen später fand er, es wäre unhöflich, sie den Salat alleine essen zu lassen, ganz so, als würde man jemandem Gift unterschieben wollen. Wer mochte schon etwas essen, von dem der andere selbst nicht freiwillig kostete? So aß er seine eigenen Salatkreationen von da ab, wann immer er übte, selbst.

Mit der Zeit schmälerte sich so immer mehr seine Fleischmenge, die er wöchentlich benötigte, denn ihm war eine Idee gekommen. Jetzt, wo er Rentner war, konnte er doch eigentlich angeln gehen. Hatte er einen Fisch am Haken, so könnte dessen Seele befragen, so stellte er es sich vor, fragen, ob er ihn essen dürfe. Bei Nein würde er ihn wieder freilassen, bei Ja würde er ihn zubereiten. Der Gedanke gefiel ihm, das hatte etwas von mehr Freiwilligkeit und entsprach mehr seiner Ethik und Moral.

Dennoch ging er genauso häufig zum Metzger wie eh und je, denn schließlich galt es, eine besondere Frau wiederzutreffen, wenn sie mal keine Touristin war.

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Autorin: Inspiriert von Gott, niedergeschrieben von mir Herbstsonne.
Meine Geschichten sind in Rechtschreibung und Grammatik geprüft mittelsHilfe von KI.

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