Veröffentlicht: 28.10.2026. Rubrik: Persönliches
Cafe Geschichten
Ich war jung und das war ein Stückchen meines Lebens.
Ich war gerade wieder neu in der Stadt und hatte ein Date. Es entpuppte sich schnell als eine platonische Begegnung, jedoch von zutiefst gegenseitiger Sympathie geprägt. Irgendwann nach vielen Kibas (Kirsch-Bananen-Säften) musste ich dringend meine Blase entleeren und steuerte auf die Toiletten zu. Da saß ich nun in der kleinen Kabine, in der zwei Fliesen angeschlagen waren und kleine Plakate mit Tesafilm an Tür und Wänden angebracht hingen. Ein Plakat war vom Café selbst; sie suchten Putzpersonal. Ich spülte und kleidete mich wieder an, dann seifte ich mir die Hände ein, spülte sie sauber und checkte kurz mein Spiegelbild. Mit einer Entschlossenheit, die ich damals noch häufig hatte, ging ich zur Theke und sagte, dass ich mich für die Stelle interessiere. Der Chef, im selben Haus wohnend, wurde nach unten gerufen und meine Telefonnummer einbehalten; man würde sich melden.
Es war, so meine Erinnerung , kurz vor Weihnachten, und Personal das anstelle von mir eingestellt hätte werden sollen, war spontan ausgefallen. Man fragte mich, ob ich spontan kommen würde – ich konnte. Von da an war ich Teil des Teams mit zwei anderen Reinigungskräften. Im Wechsel teilten wir die Woche; in Urlaub und Krankheit vertraten wir uns, und bei Unachtsamkeit im Schichtplan kam es schon mal vor, dass wir plötzlich mit großen Augen uns an blickend morgens zusammen im Cafe standen.
So kam es auch das einer meiner Kollegen in einer Doppelschicht meine Sommerliche Vorliebe fürs Barfuß arbeiten kennen lernte. Er sorgte sich wegen des möglichen Glases welches herum liegen könnte, dem ich bisher aber immer geschickt ausgewichen war. Nach etwa der dritten Doppelschicht war es ihm zuviel der Sorge und ich bekam ein paar Flip Flops geschenkt welches ich anziehen musste, zumindest solange er mich sehen konnte.
Ich hatte viele Jobs in meinem Leben, einige waren gut, andere waren lausig, aber diesen Job im Café habe ich geliebt. Mein eigener Herr war ich: Den Schlüssel besitzend, konnte ich kommen, wann ich wollte, Hauptsache, es war nach Ladenschluß und vor Ladenöffnung. Das hatte zur Folge, dass ich samstags nach der Disco – das Café lag neben dem Ausgehviertel – von der Disco ins Café lief, um mir dort einen Schlummertrunk zu machen, in der Musikanlage ein Hörbuch einzulegen, die Zähne auf der Toilette zu putzen und mich ein- bis zwei Stündchen auf eines der drei Sofas zu legen, nämlich das einzige, welches lang genug war, um ein kleines Nickerchen zu machen. Dann stand ich auf und fing an zu arbeiten; es war dann langsam spät genug, dass ich die Leerflaschen im Container draußen entsorgen durfte, was mitten in der Nacht nicht ging, weshalb das Schläfchen notwendig war.
Das Café war auf viele Weisen wunderbar. Die Mitarbeiter waren wie eine Art Familie miteinander. Ich selbst war ein wenig zu schüchtern, um außerhalb der Arbeitszeit öfters mitzumischen; auch war der überwiegende Großteil der Belegschaft im Durchschnitt ca. 20 Jahre älter als ich, aber die Liebe untereinander, die auch auf mich übertragen wurde, war wunderschön. Das Café war kunterbunt, in verschiedenen Farben gestrichen und mit Tassen, wobei jede anders aussah. Die Kuchen waren allesamt hausgemacht, und zu essen gab es Frittiertes oder richtig gekochte Speisen, ebenso wie eine große Frühstücksauswahl. Abends war es eine Bar und Lokal, draußen hatte es Außenbestuhlung im Sommer, auch eines der Sofas trugen wir im Sommer raus.
Später arbeitete ich noch in der Küche als Beiköchin und sonntags als Frühstücksvorbereiterin und Spülerin.
Eine Köchin arbeitete stets alleine; sie hörte während der Arbeit immer Hörbücher auf Kassette und steckte mich mit der Hörbuch-Leidenschaft damals heftig an. Die andere Köchin hörte leidenschaftlich gerne Klassik und sang nicht selten theatralisch bei bekannten Opern mit, wobei sie schon mal das Messer bedrohlich durch die Gegend schwang. Zum Wochenende war die Belegschaft dann sehr jung, und was lief, war Elektro-Musik; alles hatte so seine Zeit und seinen Rhythmus. Im Café selbst wurde chillige Indie-Pop-Musik gespielt, so würde ich es nennen, wobei sich mein DJ-Chef sicher im Grabe umdreht und mir die Ohren lang ziehen würde über so viel Unwissen, wie die Musikrichtungen heißen, die er damals auflegte. Er wurde nur etwas über 40 Jahre alt und wurde in einem gestreiften Hemd, Cordhosen und in einem dunkelvioletten, ovalen Sarg beerdigt. Er war mein Herz, auch wenn wir zu weit auseinander waren, um wirklich Freunde zu sein; mochten wir uns sehr, und sein Tod hat mich tief bewegt.
Immer zur Weihnachtszeit gab es von diesem Chef einen Musikmix auf CD der besten Musiktitel, die im Café das Jahr über gelaufen waren. Der Chef war nämlich auch DJ in anderen Örtlichkeiten gewesen. Auch er wohnte dann später im selben Haus wie das Café, und manchmal vor einer Tagschicht klingelte ich bei ihm und stand vor seiner Wand voller CD-Regale und benannte ihm die Musikgenres, welche ich gerne zur Schicht hören würde. Großzügig suchte er mir dann einige CDs aus, auch welche, die ich mit nach Hause nehmen durfte zum Hören.
Nachdem es damals aus Platz und Privatsphäre Gründen schwierig war, Zuhause ein Date mitzubringen, hatte ich im Café auch öfter Dates, zur aber auch nach Ladenöffnung.
Im Hause wohnte eine Nini, und Nini ging oft auf große Reisen, hatte aber schreckliche Flugangst. So kam sie zu allen herrlichen Uhrzeiten ins Café gestürzt, kurz bevor ihr Taxi kam, um sie zum Flughafen zu bringen, und forderte schnell 2–3, eher 3 Schnäpse ein. Damit sie sich nicht wie eine Trinkerin vorkam – außerdem, um zu feiern, dass sie in Urlaub fuhr –, erwartete sie, dass man mittrank. Also kam es dazu, dass ich, die super selten Alkohol trank, einmal – ich war zuvor im Bett gewesen am frühen Morgen – Jägermeister oder Pfeffi, trinken musste. Whuuaaa.
Im Winter war Schneeschippen oft noch angesagt. Im Haus gab es eine alte Hausmeisterin mit Kittelschürze und grauen, schneckal Haaren; ich mochte sie sehr. Einmal die Woche ca. sagte sie Bescheid, dass sie ihren Kuchen wollte, und dann brachte man ihr – ich meine, aufs Haus – ein Stück Kuchen nach oben in ihre Wohnung. Ich glaube mich zu erinnern, sie hatte wenig finanziellen Spielraum, und so gönnte man ihr das Stückchen Kuchen for free von Herzen.
Im Winter also schippte ich, wenn ich da war, ihr Stück Straße mit, damit sie es die Beschwerden mit ihren Gelenken hatte nicht selbst machen musste.
Alle 6 Wochen gab es im Wechsel eine andere Ausstellung von Künstlern im Café, Maler oder Fotografen; die Bilder blieben nach dem Vernissage-Abend dann für 6 Wochen hier hängen. Die Bilder wurden immer morgens aufgehängt, und öfter hatte ich gerade Schicht; ich fand das immer spannend und wunderbar. Was weniger lustig für alle war, war die Tatsache, dass die Herrschaften immer gerne mit gutem Kaffee versorgt sein wollten während ihres Schaffens. Ich war aber Reinigungskraft und hatte nichts mit der Kaffeemaschine am Hut; das Ende vom Lied war eine ziemliche Plörre mit heißer Milch, wohl bekamms-nicht.
Ja, es war eine wirklich gute Zeit, ein Stück Geborgenheit, Freiheit und Zuhause. Ein Ort, an dem ich nicht beurteilt oder verurteilt wurde, sondern einfach angenommen wurde, wie ich war, und an dem ich mich 6 Jahre entwickelte. Ein Ort mit wirklich guten Menschen. Ein Ort, der sich dann aufgelöst hat, sanft, aber nachhaltig. Was bleibt, ist ein warmes Gefühl, das allzeit zurückbleibt, über ein Stück Lebenszeit, über einem Ort, an dem viel Liebe floss und ich ein kleiner Teil davon sein durfte.
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Schon mal Entschuldigung falls ich in nächsten Wochen weniger zum Lesen eurer tollen Geschichten komme, ich befinde mich in Umzugsvorbereitungen. Viele liebe Grüße!
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Geschichte Nummer 11203



