Veröffentlicht: 08.11.2026. Rubrik: Unsortiert
Hoppla! Unverschämt liebenswert :)
Die Tulpen ließen die Köpfe samt oberen Stängeln sinken und das Wasser, in dem sie standen, roch erbärmlich.
Alice verzog angewidert die Nase kraus, dann nahm sie die Vase, öffnete das Fenster zur Straße hinaus und kippte den Schwall modernden Wassers schwungvoll hinaus. Während die Tulpen nicht mehr fähig waren, sich im Flug in weite Winde zu verstreuen, vollgesogen voll Wasser, vertikal klatschend zu Boden fielen, mitten vor ihre Füße.
Sie sprang einen Schritt zurück, der Kaffee in ihrem To-go-Becher kippte gefährlich gegen die Wand der Pappe, bereit, gleich den Deckel zu fluten und ihr die Bluse zu versauen.
Natascha fluchte.
Eine Tulpe lag quer über ihrem linken Schuh und schmiegte sich wie eine unausgesprochene Drohung um ihr Hosenbein.
Sie kickte die Tulpe von sich und sah zum Fenster hinaus, aus dem das Wasser gekommen war. Es lag inzwischen geschlossen.
Schnaubend sah Natascha auf die Uhr. Sie hatte eigentlich keine Zeit für Extratouren, aber wenn sie etwas nicht ausstehen konnte, dann war es Rücksichtslosigkeit gegenüber Anderen.
Sie fand den Namen am Klingelschild passend zum Fenster und drückte den Knopf.
Es summte.
Die Tür im Erdgeschoss stand offen, als sie, schnaubend, davor zum Stehen kam.
Natascha nahm ihre Stimmgewalt zusammen und rief: "Hallo?!"
"Kommen Sie rein und ziehen Sie sich die Schuhe aus!"
Wie bitte?! Natascha meinte, sich verhört zu haben. Was bildete sich diese Person ein?
Da die Wohnung groß und unübersichtlich erschien und Natascha wenig Lust hatte, durch sämtliche Räume zu brüllen, trat sie ein, und da sie im Gegensatz zu anderen! auf andere Rücksicht nahm, tat sie es ohne Schuhe.
Natascha rief "Wo sind sie?"
Alice: "Sie sollten weniger mich suchen als die Zimmer, in denen sie anfangen."
Alles klar, dachte sich Natascha, hier hat jemand den Schuss nicht gehört.
"Ich bin nicht hier, um bei Ihnen anzufangen. Um es genau zu nehmen, habe ich ein Vorstellungsgespräch zwei Blocks weiter in einer halben Stunde, weshalb ich es gerne kurz machen würde, wenn ich sie finden könnte."
Alice erschien im Türbogen, die nun leere Vase noch in Händen, eine Augenbraue weit hochgezogen, scharfer Blick.
"Was tun sie dann hier?! Ich erwarte Hilfspersonal, für das ausräumen der Wohnung meiner Oma."
Natascha: "Ihnen mitteilen, dass Blumenwasser samt Blumen auf die Straße kippen, nicht gerade das ist, was man als ein freundliches Miteinander in der Nachbarschaft versteht!"
Alice Wohnen Sie denn hier? Ich dachte, sie haben hier ein Vorstellungsgespräch?"
Touchee.
Natascha "Sie sollten wissen, was ich meine. Fehlt es Ihnen denn an guter Erziehung?"
"Vielleicht ihnen jedenfalls nicht an mangelnder Direktheit."
Natascha "Wurde schon manches Mal berichtet."
Dann drehte sie sich um, bereit, die Wohnung zu verlassen. Sie hatte schließlich gleich ein Gespräch, zu dem sie pünktlich erscheinen wollte.
Als sie an der Türe war und diese gerade öffnen wollte, traf sie etwas von hinten am Rücken. Sie fuhr mit angehaltenem Atem zusammen und drehte sich ruckartig um.
Da stand sie immer noch im Türbogen und lächelte,
"Ciao dann Fremde, viel Glück."
Natascha blickte zu Boden, es war ein Geschirrtuch gewesen, was Alice, deren Namen sie nicht kannte, nach ihr geworfen hatte.
Natascha lief irritiert und angestaut mit Adrenalin, ohne sagen zu können, weshalb nun genau, ob von der Situation eben oder wegen des Vorstellungsgesprächs die zwei Blöcke, und kam gerade noch punktgenau an.
Am Empfang übergab ihr eine Chipkarte an einem Schlüsselband, mit der sie sich für die nächste Stunde im Gebäude würde ausweisen können.
Schließlich wurde sie in einen Meetingraum geführt, aus dem gerade eine Bewerberin blas dreinblickend kam, ihre Präsentationsmappe umklammernd, als würde sie sie vor dem Ertrinken retten.
Die Gruppe aus Führungskräften und Bodenpersonal bestand zu etwa gleichen Teilen aus Frauen und Männern. Eine Person stand mit dem Rücken zu ihr.
"Vorstellen", sagte diese.
"Natascha Kleinbus, 32 Jahre, seit 4 Jahren tätig als Creative Director .. 2 Jahren mit dem Projekt "Stay" der Firma...usw"
Der Vorstand hörte eine Weile zu, das Bodenpersonal schrieb mit, Natascha führte aus, zeigte ihre Präsentation am Prompter, nur diese eine Person hielt den Rücken zu ihr und blickte weiter aus dem Fenster, als wäre sie in weiter Ferne.
Als Natascha fertig war und der Tisch alle Fragen zu ihrer Arbeit gestellt hatte, drehte sich die Frau am Fenster plötzlich langsam um: „Alice, Alice Harner, mir gehört der Laden hier. Wegen mir hast du die Stelle, warten wie noch ab was am Ende einheitlich entschieden wird. Was mir gefällt, ist Schneid und Ehrlichkeit. Von beidem gibt es zu wenig in der Branche und von beidem scheinst du zu besitzen.“
Alice lächelte … dann fügte sie hinzu: „Würdest du mit mir nach meinem Feierabend einen Kaffee trinken gehen?“ Ich verspreche auch, ich bringe deinen nicht wieder zum Überschwappen.“
Natascha konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Alice Harner, die Geschäftsinhaberin, war die Frau mit der Vorliebe, Blumen samt Wasser auf die Straße zu kippen.
Mal sehen, ob Natascha ihr gutes Benehmen beibringen konnte … Aber … auch mit Tulpe auf dem Schuh … würde sie wohl mit ihr einen Kaffee trinken gehen wollen.
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Geschichte Nummer 11329



