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geschrieben 2022 von Nordlicht.
Veröffentlicht: 13.05.2022. Rubrik: Menschliches


Das Schloss Teil 1 - Die Mutprobe

Jonte war vor einigen Wochen mit seinen Eltern in die österreichische Kleinstadt gezogen. Sein Vater sollte hier die Bauleitung eines großen Hotelresorts übernehmen. Es war ein idyllisches Städtchen, mitten im Tal. Die Touristen, die hierher kamen, suchten Ruhe und Erholung vom stressigen Alltag. Es gab zahlreiche Wanderwege durch das umliegende Gebirge, sodass für jeden Wandertyp der passende Weg dabei war.
Die Bewohner waren stets freundlich und darum bemüht es ihren Gästen recht zu machen. Doch Jonte hatte in den Wochen, wo er hier wohnte, schon die Erfahrung gemacht, dass die Freundlichkeit bei Zugezogenen endete. In der Schule hatte er vom ersten Tag an das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Er war gerade zwölf geworden und für sein Alter recht klein. Schon auf seiner alten Schule war er eher der zurückhaltende Typ gewesen. Allem Streit war er aus dem Weg gegangen.
Auf der neuen Schule wurde er von Anfang an nicht ernst genommen. Als eine Gruppe Jungs auf dem Schulhof ihn als ängstliches Großstadtkind beschimpfte, fragte er, was er denn tun solle, um ihnen zu beweisen, dass er kein Angsthase sei. Sie hatten sich kurz angesehen und ihm dann seine Aufgabe verkündet: Er soll in das Schloss einbrechen und etwas als Beweis für seine Tat mitbringen.
Sie hatten nur „das Schloss“ gesagt, aber es war trotzdem klar, was sie meinten. Es gab nur ein Schloss am Rand der Stadt. Es befand sich an einem Sandweg, der direkt in die Berge führte. Der Weg war nicht als Wanderweg ausgeschrieben und obwohl das Schloss einige Meter höher lag, als die Kleinstadt, konnte man es aus der Stadt nicht sehen. Jeder Einheimische kannte es. Jonte wusste nur, dass es unbewohnt war und das es dort angeblich immer kalt war, dass es keine Eingangstür haben sollte und dass darin Geister spuken sollten. Natürlich glaubte er schon lange nicht mehr an solche Märchen.
Er hatte also der Mutprobe, ohne zu zögern zu gestimmt und war nun auf dem Weg zum Schloss. Es war später Nachmittag und der Himmel war grau bewölkt. Das Schloss hob sich dunkel von seiner Umgebung ab. Es war fast schwarz und hatte zwei Türmchen. Insgesamt war es gar nicht so groß, wie Jonte es sich vorgestellt hatte.
Aufmerksam näherte er sich dem Schloss. Es war alles ruhig. Die Fenster lagen so hoch, das man nicht hinein sehen konnte, aber es war alles dunkel dahinter. Die riesige zweiflügelige Eingangstür war fest verschlossen. Vorsichtig ging er um das Schloss herum. Auf der Rückseite befand sich ein Garagentor, dass so gar nicht zu einem alten Schloss passte.
Neben dem Garagentor war eine unscheinbare, kleine Tür. Jonte drückte die Klinke hinunter und sie ging auf. An der Wand fand er einen Lichtschalter und machte das Licht an. Die karge Beleuchtung schien auf rohe Betonstufen, die in den Keller führten. Jonte machte hinter sich die Tür zu und folgte den Stufen nach unten zu einem kahlen, geraden Gang. Zu beiden Seiten waren mehrere geschlossene Türen. Auf der rechten Seite gab es einen etwas größeren Durchgang. Dahinter waren schemenhaft Kisten und Fässer zu erkennen. Im Flur war es staubig und es hingen ein paar Spinnweben von der Decke. Etwas weiter, den Gang lang, führte links eine Treppe hinauf.
Oben befand sich eine dunkle Holztür. Jonte öffnete die Tür und hielt kurz inne, als sie leise quietschte. Außer der Tür war nichts zu hören. Er kam in eine große, leere Halle. Auf der anderen Seite sah er die schwere Eingangstür. Vorsichtig schlich er in die Halle. Es fiel nur wenig Tageslicht durch die oberen Fenster. Gegenüber der Eingangstür war eine breite Holztreppe mit Teppich auf den Stufen und einem massiven Geländer. Jonte schaute zögernd hinauf. Zu den Seiten der Treppe führte ein Galeriegeländer entlang. Alles war ruhig.
Vorsichtig ging er die Treppe hinauf und strich dabei mit der rechten Hand über das Geländer. Hin und wieder knarrte eine Stufe kaum hörbar. Oben befand sich eine zweiflügelige Tür, die einen Spalt offen stand. Er spähte hindurch. Der Raum dahinter sah aus, wie ein Wohnzimmer. Sofas und Sessel standen um einen niedrigen Tisch herum und an der linken Seite befand sich ein schmuckvoller Kamin. Geradeaus waren Fenster, durch die der graue Himmel zu sehen war.
Er war noch dabei, in den Raum hinein zu sehen, als am Ende der Galerie etwas knarrte. Jonte erstarrte, sein Herz raste und er konnte über das Rauschen in seinen Ohren kaum etwas wahrnehmen. Er schaute die Galerie entlang, an deren Ende eine dunkle Treppe nach oben führte. Hörte er noch ein Knacken? War doch jemand da? Waren das die Geister? Jonte löste sich aus seiner Schreckstarre und rannte die Treppe wieder hinunter. Es war ihm egal, ob er dabei Geräusche machte. Wenn jemand da war, wusste er sowieso schon, dass er hier herumschlich. Er rannte auf die kleine Holztür zu und die nächste Treppe hinab. Als er auf den Flur bog stolperte er und fiel fast hin. Oben fiel die Tür ins Schloss und das Licht flackerte. Er rannte an dem Raum mit den Kisten vorbei und hörte, wie dort etwas knackte. Schnell lief er die Kellertreppe rauf, machte das Licht aus und schloss die Tür hinter sich. Er lief weiter bis zur Schotterstraße, bevor er sich nochmal umdrehte. Dunkel, bedrohlich und still stand das Schloss da. Jonte lief die Straße runter in die Stadt.

Am nächsten Morgen, in der Schule, erzählte Jonte den anderen, dass er ins Schloss eingebrochen war. Sie zweifelten erst an der Wahrheit, weil er auch nichts als Beweis mitgebracht hatte. Als er ihnen von dem schaurigen Keller und der großen Eingangshalle berichtete wirkten einige verängstigt. Zwar waren sie auch beeindruckt, aber sie meinten, er solle niemandem davon erzählen.

Es regnete und ein leiser Donner hallte in den Bergen wieder, als der Mann in seinem schwarzen Auto die Schotterstraße zum Schloss hinauf fuhr. Das Garagentor öffnete sich automatisch und der Bewegungsmelder reagierte sofort, als er hinein fuhr. Das kalte, weiße Licht leuchtete jeden Winkel aus. Er drückte auf den Knopf, der das Tor schloss und ging durch eine kleine Tür in den Flur.
Er verharrte und zog die Luft ein. Bewegungslos lauschte er. Nur das Rauschen des Regens und das surren vom Licht war zu hören. Lautlos ging er den Flur entlang und die Stufen zur Tür rauf. Er schnupperte wieder als er die Klinke betätigte. Mit einem Quietschen ging die Tür auf. Langsam ging er die Treppe hoch und strich dabei mit der rechten Hand über das Geländer. Draußen donnerte es. Dieses Mal lauter und der Schall hallte vom Gebäude wieder. Leise betrat er den Raum hinter der zweiflügeligen Tür. Er verharrte, drehte sich wieder um und ging zurück auf die Gallerie. Er schaute zur Treppe nach oben und lauschte. Der Regen fiel aufs Dach und tropfte durch ein Loch auf den Dachboden. Sonst war alles still.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Christine Todsen am 13.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Sehr spannend geschrieben! Nur verstehe ich den Schluss nicht. Er wirkt auf mich so, als müssten dort noch einige Absätze kommen, die den Zusammenhang mit der Jonte-Geschichte herstellen. Folgt eine Fortsetzung?




geschrieben von Christelle am 14.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Spannend geschrieben! War der Mann im schwarzen Auto auch am Abend vorher im Schloss? Hat Jonte die von ihm verursachten Geräusche gehört und deshalb geglaubt, es spukt?




geschrieben von Ohnelly am 14.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Ich kann mich nur anschließen, auch ich finde es spannend! Sehr mysteriös, könnte der Mann der erwachsene Jonte sein, der im Schloss später selbst eingezogen ist? Schließlich streichen beide in gleicher Weise mit der rechten Hand über das Geländer, wenn sie die Treppe hinaufsteigen.




geschrieben von Nordlicht am 14.05.2022:

Danke für die Kommentare. @Christelle: Nein, es war Niemand da. Ich dachte mir so ein großes Gebäude macht manchmal einfach Geräusche. Und wenn man in so einer Situation ist, befürchtet man das Schlimmste. @ Ohnelly: Das ist eine schöne Idee, aber er ist das nicht. Das mit dem Handlauf sollte ausdrücken, dass der Mann weiß, dass jemand da war.




geschrieben von Nordlicht am 14.05.2022:

@ Christine Todsen: Ich glaube ich schreibe noch eine Fortsetzung in der ich alles noch etwas weiter führe. Dann wird der Zusammenhang hoffentlich klar. Vielen Dank für das Interresse.




geschrieben von Gari Helwer am 14.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Spannend! Warte auch auf die Fortsetzung!!! :-)




geschrieben von uli_friedberg am 14.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Spannend geschrieben, hätte gerne eine Fortsetzung...




geschrieben von Nordlicht am 16.05.2022:

Es werden vermutlich vier Teile. Aber da bin ich mir noch nicht sicher.

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