geschrieben 2026 von Matthias Stilke (CaptainX).
Veröffentlicht: 03.02.2026. Rubrik: Grusel und Horror
Verluste
Diese Geschichte ist die Fortsetzung von 'Größer als wir' und 'Abgründe' - der dritte und letzte Teil.
Sergeant Christensen war Supervisor in einer kleinen, vorgeschobenen Operationszentrale des Stützpunkts. Von hier aus wurden alle Defensiv- und Offensivmaßnahmen seines Sektors koordiniert. Die Messergebnisse der gesamten Sensorik liefen an diesem Ort zusammen; Sicherheitspatrouillen und Einsätze wurden von hier gesteuert.
Vor einigen Tagen wurde ihr Verteidigungsinstrumentarium durch einen großen, schwer bewaffneten und gepanzerten Kampfroboter ergänzt. Er sollte vor allem in einen der gefährdetsten Abschnitte des Sektors patrouillieren.
Diese Maschine war keine herkömmliche, ferngesteuerte Waffendrone. Sie war ein vollwertiger Roboter, halbintelligent, handelte weitesgehend autonom und war bestückt mit einer beeindruckenden Bewaffnung.
Chris saß an seiner Konsole in einem kleinen, abgedunkelten Operationsbunker. Auf dutzende Monitore wurden viele kritische Orte des Stützpunkts überwacht. Hin und wieder markierte die KI ungewöhnliche Sensorauswertungen auf den Bildschirmen. Meistens handelte es sich allerdings um Windbewegungen, Aktivitäten kleiner Tiere oder ungewöhnliches (wenn auch harmloses) Verhalten vom Stützpunktpersonal.
Er blickte auf den Hauptbildschirm. Die KI blendete gerade das Bild der Frontkamera des patrouillierenden Roboters ein. Die Maschine hatte mit seinen Sensoren eine Wärmequelle entdeckt - vermutlich die Signatur eines Waldtieres. In der Statuszeile sah er, dass der Robot gerade damit beschäftigt war, eine Identifizierung zu erhalten. Normalerweise dauerte dieser Prozess nur einige Sekunden, bevor das Feuer eröffnet wurde. Diesmal zog es sich aber hin.
Chris schaltete such in das Gespräch ein.
"Tina.", wimmerte eine dünne, kaum hörbare Stimme.
"Vollständige Identifikation erforderlich. Wie lautet der Nachname?", dröhnte der Robot.
"Weissichnicht.", war die leise Antwort.
"Es gibt auf diesen Stützpunkt niemanden mit diesem Namen.", bewertete der Roboter die Antwort.
Im Statusbereich des Schirms sah Chris, dass die Maschine ihre Waffensysteme aktivierte und durchlud. Ein Lichtkegel richtete sich auf einen kleinen Busch, etwa fünfzehn Meter entfernt.
"Identifizieren sie sich. In zehn Sekunden wird das Feuer eröffnet."
Hinter Chris trat seine Vorgesetzte Lieutenant Ella Parsson an seinen Sessel.
"Was ist da los, Sergeant?"
"Zehn. Neun. Acht ...", zählte die Maschine erbarmungslos runter.
"Ein Kind, Lieutenant. Hat sich wohl im Wald verirrt."
Parsson überlegte: "Identifikation?"
"... Sieben. Sechs. Fünf ..."
"Negativ, Lieutenant."
"Hochsicherheitszone, Sergeant! Lassen sie D5 seinen Job machen."
"Es handelt sich um ein Kind, Lieutenant.", empörte sich Chris.
"Eine Person im Sperrbereich, Sergeant. Wir können kein Risiko eingehen. Operation fortsetzen."
"... Vier. Drei. Zwei ..."
Chris schickte einen Vetobefehl an die Maschine und stoppte damit den Countdown.
"Haben sie den Verstand verloren, Sergeant?", rief Parsson überrascht aus: "Ich habe ihnen einen Befehl gegeben!"
Chris ignorierte seine Vorgesetzte und rief die Maschine über Funk.
"Robot D5. Was ist da los?"
"Eindringling entdeckt. Identifizierung fehlgeschlagen. Maßnahme zur Neutralisierung eingeleitet."
Lieutenant Parsson zog ihre Pistole und bellte Chris nun an: "Sergeant! Sie stehen unter Arrest. Entfernen sie sich umgehend von der Konsole.
Chris ignorierte sie weiterhin und überprüfte die Sensordaten von seinem Platz aus.
"D5. Es handelt sich um ein Kind!", funkte er den Stahlriesen: "Vielleicht hat es sich verlaufen."
"Ziel konnte sich nicht identifizieren."
"Ein Kind, D5. Hier auf dem Stützpunkt leben viele Kinder. Und 'Tina' ist wahrscheinlich ein Spitzname."
Der Roboter schwieg.
Parsson lud ihre Waffe durch: "Sergeant! Ich zähle bis drei ..."
Chris schaltete sich auf den Lautsprecher der Maschine: "Hallo. Keine Angst. Du kannst rauskommen. Der Roboter tut dir nichts."
Langsam tauchte der schmächtige Körper eines kleinen Mädchens hinter dem Busch auf. Es trug ein Nachthemd und einen Teddybären fest an sich gepresst vor dem Oberkörper. Die Augen waren rot verheult und Rotz lief ihr aus der Nase.
Chris und Parsson starrten auf den Bildschirm.
"Komm näher, mein Kind.", rief er über den Lautsprecher: "Alles in Ordnung? Bist du verletzt?"
Das kleine Kind schluchzte und sagte etwas, was er nicht verstand. Es kam weiter langsam und zögernd auf seine Stimme und dem Roboter zu. Der Lichtkegel verfolgte den kleinen Körper misstrauisch.
Chris tippte auf ein Symbol des Hauptschirms und erzeugte auf einem Nebenschirm eine Videokopie. Er vergrößerte den Ausschnitt um dem Mädchen herum.
"Da haben sie ihr Gefahrenmoment, Lieutenant!", brummte er seine Vorgesetzte an.
Dann sagte das kleine Mädchen etwas und sprang flink aus dem Lichtkegel nach vorne.
Eine Sekunde später wurde der Bildschirm schwarz und D5 meldete schwere Schäden am Bein und in der Rumpfsektion. Die Hälfte der Statussymbole leuchtete Rot auf, der Rest Gelb. Der Roboter war schwerst beschädigt.
Nachdem der Rauch vor seiner Kamera sich verzogen hatte, sah Chris, dass der Roboter bewegungslos auf der Seite lag.
Zeitgleich sprachen Dutzende Bewegungssensoren am Sicherheitszaun an. Auf den Bildschirmen sahen Chris und Parsson fassungslos, wie etliche Panzerfahrzeuge den Zaun durchbrachen. Schon erreichten sie das Minenfeld. Einige explodierten, aber die meisten brachen durch.
"Sie Idiot!", schrie Parsson Chris an: "Wissen sie, was sie angerichtet haben?" Sie löste umgehend Großalarm für den gesamten Stützpunkt aus. Dann wandte sie sich an die Bunkerbesatzung.
"Achtung! Alles herhören! Wir evakuieren und sprengen den Bunker." Sie griff in ein Sicherheitsfach und entnahm den dafür vorgesehenen Fernzünder.
Schon rannten die ersten aus dem Gebäude hinaus. Chris stand noch immer vor dem Bildschirm und starrte auf die aufgezeichnete Videosequenz des Mädchens.
"Los! Raus jetzt!", rief Parsson und stieß ihn zur Tür: "Darüber reden wir noch!"
Als er durch die niedrige Tür rannte, bemerkte er, dass das Gebäude bereits unter Beschuss lag. Schüsse knallten, Betonsplitter spritzten durch die Gegend. Seine beiden vor ihm laufenden Kollegen wurden von einer Automatiksalve von irgendwoher niedergemäht. Chris selbst traf ein Querschläger am Bein. Der Schlag riss ihn von den Füßen und er landete auf dem Rücken im Dreck der Straße. Obwohl er durch den Schock und dem Adrenalin keine Schmerzen spürte, fühlte er deutlich, dass sein Bein zerschmettert war.
Kurz hinter ihm lief Parsson. Sie blieb abrupt stehen, als gegenüber vom Bunker ein leichter, feindlicher Panzer zum Stehen kam. Aus einer Seitentür trat ein großer Kerl im Tarnanzug. Er trug ein überlanges Gewehr und legte gerade auf sie an.
Sie hob instinktiv ihre Pistole, aber es war zu spät. Die beiden Projektile verfügten über so viel kinetischer Energie, dass sie die Brust des Operators ohne nennenswerten Widerstand durchschlugen. Sie klappte in sich zusammen und war bereits tot, bevor ihr Körper den Boden erreichte.
Der Schütze trat vorsichtig an Parsson's Leiche heran und kickte die Pistole aus ihrer schlaffen Hand. Dann drehte er sich zu Chris um. Obwohl der Sergeant wusste, dass es ihm nichts nützen würde, zeigte er dem Angreifer seine offenen Handflächen und dadurch, dass er wehrlos war. Der Soldat richtete sein Gewehr auf ihn und inspizierte seine Uniform und Ranginsignien.
"Ihr seid keine Infanteristen!", stellte er leicht enttäuscht fest.
"Nein.", presste Chris hervor: "Systemoperatoren. Wir überwachen den Stützpunkt."
Der Mann grinste irre.
"Dann seid ihr aber nicht sehr erfolgreich gewesen.", sagte er mit ätzenden Spott: "Und jetzt wolltet ihr stiften gehen oder was?"
"Unser Roboter wurde zerstört. Wir hatten keine Abwehrmaßnahmen mehr zu koordinieren."
Bei dem Wort 'Roboter' änderte sich der Gesichtsausdruck des Mannes. Seine Mimik wurde weich.
"Hast du meine Tochter gesehen?", fragte er Chris leise, beinahe zärtlich.
"Tochter?", rief er irritiert. Er dachte fieberhaft nach, was das zu bedeuten hatte. Schließlich verstand er.
"Du verdammter Schweinehund hast dein Kind geopfert? Ins Feuer geschickt?", schrie er: "Wie konntest du nur ..."
Ron schoss ihn aus nächster Nähe in die Brust, wandte sich ab und ging Richtung Bunkertür.
Chris stand bereits unter Schock und Adrenalin. Deswegen empfand er anscheinend keine weiteren Schmerzen mehr. Er merkte aber deutlich, dass er starb. Sein Herz pumpte das Blut aus der Ein- und Austrittsöffnung auf den dreckigen Boden. Er fühlte, wie seine Lunge langsam voll Blut lief. Aus dem Augenwinkel sah er, dass der fremde Soldat den Bunker betrat.
Auf halbem Weg zum Eingang lag Parsson. In der linken Hand umklammerte sie immer noch den Fernzünder. Er schob sich mit seinem gesunden Bein und den Armen langsam zu ihr hin. Mit letzter Kraft entwand er ihr den Zünder aus der schlaffen Hand.
Er drehte den Sicherheitsdeckel ab, sagte "Fahr' zur Hölle, Bastard" und drückte den kleinen roten Knopf bis zum Anschlag. Er sah einen Blitz und fühlte noch, wie er in einem Meer aus Licht verging.
Ron blickte sich in dem Bunker um. Die meisten Bildschirme waren schwarz oder krisselten. Auf einigen erkannte er wild schießende Rebellenpanzer auf den Straßen des Stützpunkts.
Auf einen kleinen Schirm sah er seine kleine Tochter in einer Endlosschleife, wie sie etwas sagte und nach vorne aus dem Bildbereich verschwand.
Er tippte auf das Lautstärkesymbol und hörte zum letzten Mal die Stimme seines Kindes: "Fahr' zur Hölle!".
Er sah einen Blitz und fühlte, wie er in einem Meer aus Licht verging.
Geschrieben: Februar 2026
Autor: Matthias Stilke
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