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geschrieben 2026 von Matthias Stilke (CaptainX).
Veröffentlicht: 17.01.2026. Rubrik: Fantastisches


Der Roboter

Eine heftige Explosion beförderte Kyle in einen großen, tiefen Trichter. Dieser stammte vom gestrigen Flächenbombardement. Am Grund hatte sich bereits erdbraunes Wasser gesammelt und er lag mit einem Bein und Hüfte im brackigen Matsch.

Der unfreiwillige Flug hatte ihn verwundet. Sein Kopf dröhnte, die Ohren schmerzten von der Luftdruckwelle. Alle Gelenke taten weh, sein Bein wahrscheinlich gebrochen. Unter der Panzerweste war seine Schulter feucht und wie betäubt. Vermutlich hatte er sich dort ein Schrapnell eingefangen. Um ihn herum tobte die Schlacht weiter.

Das waren jedoch nicht seine größten Sorgen.

Auch nicht, dass der Krater durch eine lasergesteuerte Bombe erzeugt wurde, dessen radioaktiver, nun pulverisierter Mantel diesen Bereich kontaminierte und ihn langsam vergiftete.

Nein. Vor einigen Minuten stürzte ein feindlicher Kampfroboter zu ihm in den Bombentrichter. Das Ding war vier Meter groß und hatte eine Schulterbreite von drei Metern. Anscheinend war es schwer beschädigt, aber seine Sensorik funktionierte wohl noch.

Es lag am Kraterrand und versuchte alle paar Sekunden unaufhörlich sein, unter der mächtigen Schulter montiertes, Automatikgeschütz auf Kyle auszurichten. Erfolglos (zum Glück), denn ein massiver Matschberg blockierte die Bewegung des Waffenarms. Allerdings bröckelte der Dreckklumpen langsam aber sicher von dem ewigen Geklopfe auseinander. Es war abzusehen, dass früher oder später das Material nachgab und die Kanone freikam. Darüber hinaus schien der Roboter aber bewegungsunfähig zu sein.

Das gedämpfte Rauschen in Kyle's Ohren nahm ab und er konnte nun eine Stimme hören.

"Potenzielle Bedrohung erkannt. Ziel erfasst!". Rumms!

Diese Stimme kam von dem Roboter. Weiblich mit einem dezent-erotischen Unterton - im völligen Kontrast zu der Kyle's derzeitigen Situation - was sich auch immer die Servicetechniker dabei gedacht haben!

Er sah genauer hin: An der Seite des mächtigen Brustpanzers war eine Wartungsplatte abgeplatzt. Darunter sah er ein Panel, auf dem die Worte 'DIAGNOSE LEVEL 2' aufblinkten. Anscheinend hatten die massiven Schäden einen Reparaturmodus aktiviert, der für die Kommunikation mit dem Wartungspersonal vorgesehen war. Im Kampfeinsatz sprachen diese Robots normalerweise nicht, sondern gingen stur ihrer Programmierung nach.

"Potenzielle Bedrohung erkannt. Ziel erfasst!". Rumms!

Das Geschütz drehte sich und knallte erneut gegen den Matschhaufen.

Kyle wollte sich in Panik zum Kraterrand hinauf ziehen, aber unerträgliche Schmerzen verhinderten diesen Versuch. Sein Sturmgewehr hatte er bei dem Sturz verloren. Er befühlte unter seiner Panzerweste die T2-Sprengladung mit Fernzündung, aber selbst wenn er von hier aus treffen würde, könnte ihn die Explosion in Stücke reißen.

Er zog seine Pistole und schoss das Magazin auf das stählerne Ungetüm leer. Vergeblich: Die Panzerplatten waren so stark, dass er ebenso gut mit Steinen hätte werfen können. Als letztes schmiss er die leere Pistole nach den Robot, traf aber nicht.

Er zwang sich zur Ruhe und dachte angestrengt nach. Auf Hilfe warten? Wenn der Drehmechanismus des Waffenarms noch lange genug blockiert wäre, könnte es klappen. Ne! Auch nicht gut. Diese Kampfroboter sind sehr gefährlich. Auch wenn dieser hier stark beschädigt ist, würde Kyle's Kameraden den Robot vorsichtshalber aus sicherer Distanz in die Luft jagen - und ihn gleich mit!

"Potenzielle Bedrohung erkannt. Ziel erfasst!". Rumms!

"Hey! Blechkopf!", rief Kyle. Es war nicht der richtige Zeitpunkt für Rationalität oder gar Höflichkeit: "Schnauze! Ich muss nachdenken."
Zu seiner Überraschung stoppte die Bewegung des Waffenarms.
"Potenzielle Hilfe erkannt!", sagte die sanfte Frauenstimme.
Kyle war so verdattert, dass es ihm zunächst seine Sprache verschlagen hatte. Er wusste, dass diese Roboter ein Neuronen-Netzwerksystem besaßen und intelligent waren und vielleicht über ein Bewusstsein verfügen. Normalerweise war diese Funktion aber im Kampfeinsatz unterdrückt.

"Potenzielle Hilfe erkannt.", wiederholte das Ding.
"Was denn? Was soll der Unsinn?", brummte Kyle unfreundlich zurück.
"Bist du mobil?"
"Äh. Nein. Nicht wirklich.", stammelte er irritiert.
"Meine Antenne ist vom nassen Erdreich verdeckt. Wenn du sie freigräbst, kann ich ein Bergungsfahrzeug anfordern".
Kyle dachte, sich verhört zu haben: "Klar! Eben wolltest du mich noch abknallen und jetzt soll ich dir helfen? Vergiss es, Blechbüchse."
"Eben warst du noch eine potenzielle Gefahr. Jetzt nicht mehr."
Kyle kam aus dem Staunen nicht heraus: "Was? Und deswegen soll ich dir helfen?"
"Wenn ich abtransportiert bin, bist du außer Gefahr."
"Natürlich helfe ich dir!", sagte Kyle sarkastisch: "Damit sie dich wieder zusammenflicken und du weitere Dutzende Menschen tötest?"
"Hunderte!", verbesserte ihn der Roboter.
"Was? Meinetwegen! Um so schlimmer."
"Wenn deine Kameraden kommen, sprengen sie mich in die Luft oder ich leite meine Selbstzerstörung ein. In beiden Fällen wirst du sterben.", sagte der Robot mit bestechender Logik.

"Ja, und? Wer sagt mir, dass du mich nicht danach doch noch umbringst?"
"Abgesehen von meinem Waffenarm, bin ich immobil - ansonsten wärst du schon längst tot." Auch da war etwas dran.

Der Roboter drehte seine Kanone so weit von ihm weg, wie es seine Mechanik zuließ und sagte: "Halte dir die Ohren zu." Dann feuerte er! Einige hunderte Geschosse zertrümmerten die Seitenwand des Kraters. Der Lärm war ohrenbetäubend und Kyle wurde von Steinsplittern und Dreck übersät, blieb aber unverletzt.

Als er wieder durch den Staub sehen konnte, schrie er: "Hast du den Verstand verloren?"
"Ich bin nun waffenlos.", sprach der Stahlriese.
Kyle dachte nach. So wie es aussah, konnte er nicht noch mehr verlieren als ohnehin schon, aber wenigstens dafür sorgen, dass das Ding nicht gewinnt. Er fühlte erneut nach dem Sprengsatz unter seiner Panzerweste.

"Na, schön. Was soll ich tun?"
"Auf meiner linken Schulter ist eine kleine schwarze Antenne unter Geröll begraben. Das reduziert die Sendereichweite."
"Okay. Verstehe. Ich versuche es."
Zum Kraterrand hochziehen hatte nicht funktioniert. Aber vielleicht könnte er sich sitzend zu dem riesigen Schulterpanzer hin rutschen. Nachdem er für sein Bein eine einigermaßen schmerzfreie Position gefunden hatte, zog er sich langsam zu dem Ungetüm rüber. Schnell fand er die besagte Stelle. Bevor er aber mit dem Freibuddeln begann, schob er den T2-Sprengsatz durch einen Spalt im Panzer unauffällig in die innere Struktur des Roboters. Dann räumte er die Antenne frei.

Als er fertig war, rutschte er wieder auf dem Hintern zu seinem alten Platz zurück. Den Auslöser hielt er in der Hand, falls der Robot ihn wegen seiner Immobilität belogen hatte.

"Comlink hergestellt. Übertragung gestartet."
"Bitte. Gern geschehen.", sagte Kyle trocken: "Und jetzt?"
Eine Weile passierte nichts. Der Roboter schwieg.

Plötzlich hörte er oben vom Kraterrand die Motoren eines schweren Fahrzeugs.
"Das Bergungsfahrzeug nähert sich. Wenn du dich an meiner Schulter festhältst, zieht es uns gemeinsam raus."
Kyle zögerte. Die unerwartete Fürsorge der Maschine, erschien ihm reichlich suspekt, allerdings würde er alleine aus diesem Loch hier nicht hinauskommen und langsam elendig verrecken. Irgendwie merkte es der Roboter.
"Es sind außer dem Bergungsfahrzeug keine weiteren Einheiten in der Nähe. Das Bergungsfahrzeug ist waffenlos und nimmt dich nicht wahr."
"Seit wann habt ihr Blechkameraden ein Herz?", fragte der Mensch. Der Roboter zögerte etwa zwei Millisekunden.
"Ich verfüge über mehrere Hydraulikpumpen, die - technisch gesehen - durchaus mit Herzen vergleichbar ..."
"Vergiss es!", rief Kyle aus.

'Ach, scheiß drauf', dachte er dann und rutschte wieder zu dem Koloss. Er klammerte sich verkrampft an einer gesprungenen Panzerplatte fest.

Einige armdicke Stahlseile schlängelten sich vom Kraterrand hinunter und hakten sich automatisch an verschiedene Stellen des Roboters ein. Dann gingen sie auf Spannung und zogen ihn und Kyle langsam aus dem Dreck nach oben. Dort stand ein gigantisches Kettenfahrzeug. Schwere Greifarme packten den Roboter und stellten ihn auf seine lädierten Beine. Kyle konnte gerade noch hinunterspringen - den Auslöser noch immer in der Hand. Der Sprung tat seinem gebrochenem Bein nicht gut. Es knackte und Kyle fiel in den Matsch und wandte sich vor Schmerzen fluchend am Boden.

"Danke.", sagte der Roboter schlicht.
Kyle dachte, dass das Stahlmonster ihn nun doch noch zu Brei schlagen würde, aber nichts geschah. Die Greifarme zogen das Ding langsam auf die Ladefläche des Fahrzeugs.
Kyle sah auf den Auslöser in seiner Hand und dann zu dem Robot. Sein Gewissen regte sich.

"Ey, Roboter. Du hast eine Sprengladung unter dem Panzer. Die solltest du dir entfernen lassen." Demonstrativ präsentierte er den Funkauslöser und warf das Ding in den Krater. Er hoffte, keinen tödlichen Fehler begangen zu haben.
Der Verladevorgang stoppte. Der Robot schien nachzudenken.

"Warum?", fragte die Maschine.
Ja, warum? Etwas Besseres als "Ich wollte auf Nummer sicher gehen. Sorry." fiel ihm nicht ein.

Der Roboter hob langsam seinen Waffenarm und zielte auf ihn. Dann drehte er aber die Kanone etwas zur Seite und schoss. Einem Meter von Kyle entfernt platze ein faustgroßes Loch in den steinigen Boden. Anscheinend hatte er noch eine Granate im Lauf gehabt.

"Ich wollte auf Nummer sicher gehen.", sagte der Roboter: "Sorry."

Geschrieben: Januar 2026
Autor: Matthias Stilke

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von CaptainX am 18.01.2026:

@Butterblume
@Jo
@Jens

Danke für das 'Gern gelesen'. Ich freue mich.

Gruß
CaptainX

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