Veröffentlicht: 08.05.2026. Rubrik: Persönliches
Bezaubernde Momente
Kinder kosten sehr viel Zeit, Schlaf und Geld, sie lassen ihre Eltern schneller altern. Eine materielle Entschädigung dafür erhält man so gut wie nie. Auch gibt es keine Erfolgsgarantie, es gibt keinerlei Gewissheit, dass sich ein Kind nach den Vorstellungen der Eltern entwickelt – zum Glück nicht. Aber dann gibt es immer wieder bezaubernde Momente, die man mit Kindern hat. Momente in denen einem klar wird, dass die Entscheidung für das oder die Kinder richtig war. Um diese bezaubernden Momente soll es hier gehen.
Bei unserer ersten Tochter gab es die ersten bezaubernden Momente kurz nach der Geburt. Die Geburt stellt man sich ja als etwas Wunderbares vor – sie ist es ja auch. Aber für die Betreffenden – Mutter und Kind – ist sie vor allem anstrengend. Doch kurz nach der Geburt lag dann unser neugeborenes Kind auf der Brust meiner Frau und ich hörte ein leises Schmatzen. Diesen Moment habe ich natürlich festgehalten. Nicht durch eine Kamera oder durch Tonaufnahme, sondern einfach in meiner Erinnerung, in meinem Herzen.
Dieses neugeborene Mäuschen schlief dann auch oft in unserem Bett. Und manchmal geschah es, dass ich schlief und auf einmal angestoßen wurde. Ich dachte erst, meine Frau weckte ich und drehte mich um. Doch da lag unser neugeborenes Mäuschen, das mit dem Ärmchen strampelte und mich berührte hatte – an meinem Arm, aber auch in meinem Herzen.
Manchmal lag sie auch in ihrem Bett neben ihrem Kuscheltier, dem Affen Coco. Natürlich konnte sie sich damals noch nicht artikulieren, aber sie gab dennoch Laute von sich und es wirkte, als ob sie ihrem Affen etwas erzählte.
Was mich als Papa besonders geschmeichelt hat: Konnte sie nicht schlafen, war ich ihr Lieblingsbett. Ich legte sie auf meine Brust und dort fand sie Ruhe und schlief ein. Auch ich schlief ein und es war ein wunderbar inniges Gefühl, so ein kleines Menschenkind auf der Brust liegen zu haben. Einmal träumte ich, dass ich eine Maus mit mir trüge und als ich aufwachte wurde mir klar, dass dieser Traum in gewisser Weise wahr war.
In dieser Zeit umklammerte sie sich auch gerne mit ihrer ganzen Hand einen meiner Finger. Die Hand war noch zu klein, um ihn ganz zu umklammern. Auch das war ein sehr schöner Moment.
Schon bald hörten wir sie zum ersten Mal lachen. Und was war das für ein Glücksgefühl: Ein Baby, das zwar weder sprechen noch laufen konnte, aber dafür lachen! Und sie lachte oft. Wir konnten nicht immer verstehen, warum sie lachte, was in ihrem Kopf vorging. Doch wir erkannten oft, was für sie lustig war: Z. B. wenn wir sie umzogen und ihren Schlafanzug über ihr hin- und her wedelten.
Und sie konnte sich begeistern. Nie werde ich vergessen, wie sie auf dem Rücken liegend ein bunt leuchtendes Spielzeug in die Höhe hielt und fasziniert begutachtete. Einmal hatte meine Frau mich ermahnt, von einem Früchtebrot nicht mehr zu essen, damit wir es noch länger haben. Wir waren mal beide kurz im Arbeitszimmer und als wir zurückkamen, sahen wir sie auf dem Rücken liegend. In ihren kleinen Händen hielt sie etwas über sich und strahlte es an. Wir kamen näher und stellten fest, dass es genau das Früchtebrot war.
Wie alle kleinen Kinder fing sie natürlich irgendwann an, Schränke auszuräumen. Wir ordneten dann extra alles, was nicht kaputt gehen konnte, unten ein. Ein Fach war für sie ein wahres Paradies: Ein Schrankfach, das so groß war, dass sie selber hineinpasste. Hier waren alle möglichen Eisdosen und andere Behälter untergebracht. Sie ging hier sehr konsequent vor, denn sie hörte mit dem Ausräumen erst auf, als auch die letzte Dose auf dem Boden lag. Irgendwann sah man dann nur noch ihre Füße, manchmal auch ihren Po aus dem Schrank herausschauen, während gleichzeitig alle möglichen Dosen aus dem Fach herausflogen.
Schon sehr früh zeichnete sich bei ihr das Problem ab, dass sie nur sehr wenig trank. Ich wollte durch gute Vorbildfunktion Abhilfe schaffen. So nahm ich regelmäßig ein großes Glas mit Wasser, trank es vor ihren Augen genussvoll aus und stieß danach ein lautes Ah aus, um meinen Genuss zu unterstreichen. Die Rechnung ging auf – aber nicht so, wie ich es gedacht hatte. Sie trank aus ihrem Glas die gleiche minimale Menge wie zuvor aus, doch nach jedem Schluck stieß sie ein ebenso genussvolles Ahhhh aus. Zwar konnte sie noch nicht reden, doch ein theatralischer Stoßseufzer machte ihr keine Probleme.
Auch sonst zeigte sich sehr früh ihr theatralisches Talent. Gerne packte sie mit ihren beiden kleinen Händen einen meiner Finger und führte den wie einen Leckerbissen zu ihrem weit aufgesperrten Mund zu. Ich erfand dann alle möglichen Ausreden, warum ich nicht genießbar bin und das machte uns beiden Spaß. Das Theaterstück wiederholte sich regelmäßig.
Der Tageshöhepunkt war jedoch die Einnahme der Vitamin-D-Tropfen. Dies war zu einer Zeit, als sie von ihrem Essensplatz noch regelmäßig alles herunterwarf. Auch das gehört ja in einer bestimmten Altersspanne zu den ganz natürlichen Phasen, in der die kleinen Kinder die Schwerkraft kennenlernen. Auf jeden Fall bekam sie als Belohnung für die Einnahme der Tropfen das kleine – zum Glück sehr stabile – Fläschchen mit den Vitamin-D-Tropfen. Und kaum, dass sie diese erhalten hatte, wurde die Flasche nach unten geworfen und sie strahlte über das ganze Gesicht.
Wenn sie sich sehr freute, klatschte oder wedelte sie mit den Händen, dazu lachte sie voller Freude.
Natürlich gab es unzählige bezaubernde Momente, als wir sahen, wie sie sich entwickelte: Ihre ersten Sätze sprach, das Laufen lernte, zum ersten Mal alleine eine Rutsche rutschte usw.
Zu den Running Gags gehörte der abendliche Abwasch. Sie kam immer und sagte: „Will abtrocknen“. Ich gab ihr ein nasses Geschirrteil und sie stellte fest: „Ist noch nass“. Da sagte ich ihr, dass es natürlich noch nass ist und abgetrocknet werden muss. Da gab sie es mir zurück mit der Bemerkung: „Soll Papa machen“.
Diese Momente sind längst vorbei. Nur wenige davon haben wir durch Bild oder Video festgehalten. Diese hätten die Szene auch sehr gestört, sie hätte dann nur auf das Smartphone gesehen. Diese Momente waren oft zu schön, um fotografiert oder gefilmt zu werden.
Inzwischen haben wir gleich zwei Kinder, mit denen wir andere bezaubernde Momente erleben. Auch sie sind nur vorübergehend. Viele dieser Momente erlebt man mehrmals, aber nur eine kurze Zeitspanne. Umso wichtiger ist es, sie ihrer bewusst zu werden.
Manche vor allem alleinstehenden Menschen haben kaum die Zeit für ihre Kinder und für solche Momente. Ihnen sollte unbedingt geholfen werden, Zeit für ihre Kinder zu bekommen. Anderen Menschen ist die Karriere oder ein luxuriöser Lebensstil wichtiger, darum geben sie ihre Kinder schnell in eine Kinderkrippe oder sonst wo hin. Solchen Menschen ist nicht zu helfen. Sie tauschen die Brillanten des Lebens ein gegen wertlosen Ramsch.





