geschrieben 2026 von Matthias Stilke (CaptainX).
Veröffentlicht: 15.02.2026. Rubrik: Fantastisches
Das Trojanische Pferd
Selina Yang lag wohlversorgt und behütet an ihrem Privatstrand und blickte entspannt in den Sonnenuntergang. Aber von nichts kommt nichts - alles hatte seinen Preis.
Man sah es ihr nicht an, aber sie gehörte zur militärischen Elite ihres Planeten.
Vor einigen Jahren entwickelten Wissenschaftler eine Technik, die einen Bewusstseinstransfer zwischen Mensch und Maschine ermöglichte. Quasi über Nacht verdoppelten sich die Einsatzmöglichkeiten der Kampfmaschinen - wurde doch so die gefährliche Lücke zwischen kalter Logik und moralischer Abwägung geschlossen und die Kampfeffizienz für vielen Missionsprofilen um ein Vielfaches erhöht.
Von nun an war es möglich, kalte Technik mit menschlichem Geist, Bewusstsein zu steuern - wenn auch nur für wenige Stunden. Danach löste sich der geistige Zustand in den Schaltkreisen seines 'Wirts' auf, was bei einer Rückführung immer zu Hirnschäden oder sofortigen Tod führte.
Die Sache hatte einen weiteren Haken!
Nur verschwindend wenige Menschen waren mental in der Lage diesen - durch und durch - unnatürlichen Vorgang zu verkraften. Nach aufwendigen Testreihen blieb am Ende nur eine Handvoll Personen übrig, bei denen der Prozess auf Dauer keine Schäden erzeugte und immer wieder initiiert werden konnte. Selina war eine von ihnen!
Als wertvolle militärische Ressource lebte sie nun relativ abgeschieden in einen Bungalow des Militärs - in Sicherheit und auf äußerste umsorgt. Es fehlte ihr an nichts - außer persönlicher Freiheit, doch als Patriotin nahm sie dieses Opfer mit Gleichmut.
Als Gegenleistung wurde sie ab und zu von ihren Vorgesetzten abgeholt und irgendwo auf der Welt zu einem geheimen Kommandounternehmen eingesetzt - zum Wohle ihres Staates!
Heute war es wieder so weit!
Am Horizont erschien ein Transportgleiter in der Lackierung der Streitkräfte und landete dicht neben ihrer Strandliege. Sie stand auf und betrat so wie sie war den kleinen Fahrgastraum. Aus Sicherheitsgründen war kein Pilot an Bord - alles verlief automatisch. Selbst die Navigationsautomatik kannte bis jetzt noch nicht das Ziel.
Als sie sich setzte, schloss sich die Tür und die Fenster wurden intransparent. Die Trägheitsdämpfer des Fahrzeugs liefen auf volle Kraft. Selbst Selina sollte über den Ort ihres Zieles keine Informationen erhalten. Sie wusste, dass der Gleiter problemlos eine vielfache Schallgeschwindigkeit erreichen konnte. Bei einer Flugzeit von drei oder vier Stunden konnte ihr Ziel irgendwo auf dieser kleinen Welt sein.
Nach einiger Zeit öffnete sich die Tür. Wie schon die letzten Male war das Fahrzeug in einer Halle gelandet. Sie stieg aus und wurde von einigen Wissenschaftlern und Militärs empfangen. Sofort wurden ihr diverse Injektionsmanschetten und Sensoren angelegt.
In der Halle sah alles genauso aus, wie die letzten Male. In der Mitte stand diese hausgroße Maschine, der sogenannte Mentaltauscher! An den Seitenwänden reihten sich ihre schweren, noch inaktiven Kampfdrohnen auf. Es waren zwölf und Selina's war die Zweite von rechts.
Routiniert wurde sie auf einer Liege an dem Mentaltauscher fixiert und angeschlossen. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass die anderen elf Plätze bereits belegt waren und ihre Kollegen vom mentalen Pilotenkorps sich ebenfalls in der Vorbereitungsphase befanden.
Als die Techniker fertig waren, sah sie noch einige zufriedene Gesichter und 'Daumen hoch'-Gesten. Dann verschwamm ihr alles vor den Augen.
Es tat nicht weh. Es fühlte sich an wie ein kurzer Schlaf. Als sie die Augen öffnete, sah sie durch die Fotosensorik ihrer Kampfdrohne. Sie sah die monströse Apparatur mit sich und ihren Kollegen in der Mitte der Halle. Einige menschliche Gestalten huschten umher, berührten Sensorfelder, kontrollierten Protokolle. Alles schien in Ordnung zu sein. Selina fühlte, wie ihre Drohne nun durch eigene Energie autonom versorgt wurde und sie jetzt die komplette Kontrolle über die Kampfmaschine übernahm.
Sie prüfte alle Systeme. Die Statusmeldungen leuchteten grün in ihrem Sichtfeld auf. Der Kampfkoloss war bereit, alle Waffen waren maximal geladen und im Stand-By-Modus.
Ein großes Seitentor wurde geöffnet. Das war Selina's Zeichen! Sie steuerte ihr Stahlmonster hindurch. In der Nebenhalle lagen zwölf Spezialtransporter, die sie zügig und sicher an ihre Einsatzorte bringen würden.
Sie wusste nicht wohin und was von ihr erwartet wurde. Aus Sicherheitsgründen erhielt sie immer ihre Einsatzdetails erst kurz nach dem Absetzen in dem Operationsgebiet.
Sie bestieg einen dieser Transporter. Die Luke schloss sich und wieder war sie von der Außenwelt abgeschnitten. Dieses Fahrzeug flog sie nun zu ihrem Einsatzort.
Der Flug dauerte etwa eine Stunde. Der Transporter konnte mit einer Parabelbahn in dieser Zeit jeden Punkt auf den Planeten erreichen. Selina entspannte sich, fühlte sich in ihren Stahlkörper hinein. Bilder und Erfahrungen ihres biologischen Lebens waren immer noch vorhanden, jedoch in ihrem jetzigen Zustand eine ferne, langsam verblassende Erinnerung. Erst wenn sie wieder an dieser Maschine angeschlossen wurde und ihr Geist in ihren Körper zurückschwamm, drückten sich diese Gedankenmuster in ihr Gehirn mit einer solchen Präsenz, dass Selina sich wie wiedergeboren fühlte.
Die Luke öffnete sich und Selina steuerte ihre Kampfdrohne hinaus. Unmittelbar darauf startete der Transporter und verschwand senkrecht in den tiefhängenden Wolken.
Sie stand in einem lichten Wald. Der Computer empfing jetzt die Einsatzdaten. Bereiche in Selina's Blickfeld wurden von taktischen Symbolen und Farbmarkierungen überlagert. Primäre und sekundäre Missionsziele wurden angezeigt. Ihr Hauptziel war ein Gebäudekomplex in einiger Entfernung. Es handelte sich um einen geheimen Stützpunkt einer Rebellengruppe - schwer bewaffnet. Aber laut taktischer Analyse besaß ihre Kampfdrohne für diesen Angriff über ausreichend Panzerung und Feuerkraft.
Selina wunderte sich ein wenig. Bislang waren ihre Einsätze filigrane Spezialeinsätze und keine 'Hau drauf'-Missionen. Aber das Oberkommando wird wohl seine Gründe haben.
Der taktische Computer empfahl einen einfachen Sturmangriff, was auch Selina's Wahl gewesen wäre. Geschwindigkeit war bei diesem Einsatz der Schlüssel. Schon steuerte sie ihre Kampfmaschine mit Höchstgeschwindigkeit auf ihr Ziel zu und aktivierte alle verfügbaren Waffensysteme. Der Boden erzitterte unter dem Laufschritt der schweren Schritte des Stahlkolosses.
Es dauerte nicht lange und der Stützpunkt empfing sie mit einem Raketenschwarm. Artillerie nahm sie unter Feuer. Selina's Anti-Missile-System holte zuverlässig eine Rakete nach dem anderen vom Himmel. Ihre Sensorik registrierte die Flugbahnen der Artilleriegeschosse und schlug rechtzeitig alternative Laufrichtungen vor. Unbeschadet erreichte die Drohne eine Grenzmauer. Wohlplatzierte Sprenggranaten machten den Weg frei.
Sie befand sich jetzt im inneren Sicherheitsbereich des Stützpunkts. Von allen Seiten prasselten Kleinkalibergeschosse auf ihre schwere Panzerung ein. Selina aktivierte ihre schweren Autokanonen und mähte Dutzende Infanteristen nieder. Einige sprangen in den vermeintlichen Schutz von Stahlbetonmauern, die allerdings der Feuerkraft der beiden Autokanonen nicht standhielten.
Panzerabwehrgranaten trafen die dicken Schulterpanzer der Drohne, hinterließen aber neben schwarzen Flecken kaum Schäden.
Der Widerstand erlahmte langsam. Sie steuerte die Drohne auf ihr Einsatzziel zu, dem zentralgelegenen, großen Gebäude.
Nun hieß es schnell sein. Die taktische Analyse erwartete in wenigen Minuten massive Gegenmaßnahmen. Selina sprengte das große Tor aus der Halterung. Unmittelbar danach schoss sie einige Granaten durch die Öffnung. Falls sich im Inneren noch Widerstand formiert hatte, wäre auch dieser nun gebrochen. Es gab einige heftige Detonationen. Das Tor spie Feuer und Trümmerteile.
Mit dem Erlöschen der taktischen Symbole in ihrem Blickfeld hatte sie ihr Missionsziel erreicht. Aber anstatt sich zurückzuziehen, überwog ihre Neugier. Sie hatte ein schmales Zeitfenster und das Gebäude war noch intakt. Vorsichtig steuerte sie die Kampfdrohne mit erhobenen Waffenarmen durch das zerstörte Tor.
In einer hohen Halle stand in der Mitte eine große Maschine. Trotz der Zerstörungen und Brände erkannte sie die Reste eines Mentaltauschers.
Nein! DES Mentaltauschers!
Auch der Rest der Halle kam ihr jetzt bekannt vor. Vor einigen Stunden wurde hier ihr Bewusstsein in ihre Drohne geleitet. Dort standen die Drohnen und gegenüber war der Eingang zur Flughalle. Irgendjemand war es irgendwie gelungen, ihren Missionsbefehl so zu manipulieren, dass sie ihren eigenen Stützpunkt angegriffen hatte, um die wertvollsten Ressourcen zu zerstören, über die das Militär verfügte! Die zwölf Mental-Piloten!
Diese Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. Selina rannte zu den Überresten der Maschine. Einige Einsatzliegen waren noch halbwegs in Takt. Auf einer sah sie in den Flammen ihren eigenen Körper mit üblen Verletzungen. Ob er klinisch tot war, konnte sie nicht erkennen. Fest stand nur, dass ihr Geist nicht mehr in ihren Körper zurückkehren konnte.
Die Energiezellen der zerstörten Maschine überhitzten. In wenigen Minuten würde der gesamte Gebäudekomplex explodieren.
Verwirrt und unschlüssig stand Selina noch eine Weile vor ihrer Leiche. Dann rannte die Drohne los.
Geschrieben: Februar 2026
Autor: Matthias Stilke (c)
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