Veröffentlicht: 11.07.2026. Rubrik: Fantastisches
Der Codex - Teil 2(5)
Zwei
Als Erstes nahm Miles Brandgeruch wahr. Er öffnete die Augen. Dunkler Rauch, rot blinkende Warnlampen. Er hing schief in seinem Gurt - die künstliche Gravitation war ausgefallen. Überall zischte und knackte es. Der große Raum war ein Chaos. Die Deckenstruktur war teilweise eingestürzt und hatte einige seiner Kollegen unter sich begraben. Die Konsole seines Supervisors war unter einem Haufen Metall- und Plastikschrott verschwunden.
In Panik löste er seinen Gurt und fiel auf den Boden. Irgendetwas stimmte mit seiner linken Schulter nicht - genau genommen spürte er den gesamten Arm nicht.
Mühsam stemmte er sich hoch und stolperte zum Haupteingang. Wenn er sich recht erinnerte, war von dort aus ein Notausgang ausgeschildert.
Der Zugang war auf - anscheinend waren bereits einige seiner Kollegin auf diesen Weg geflüchtet.
Miles folgte den im Boden eingelassenen Lichtsignalen. Den Gang hinunter sah er Tageslicht und rannte darauf zu.
Seine Augen tränten und ihm wurde schwindelig. Er stürzte vorne über auf etwas Weiches. Unter dem Notausgang hatte sich eine Luftpolstermatte automatisch aufgeblasen. Kräftige Hände zogen ihn zur Seite und er spürte feucht-kalten Boden unter sich. Mit einem kräftigen Hustenanfall tauschte seine Lunge die kontaminierte Luft aus seinen Lungen mit würziger Waldluft. Als er wieder sehen konnte, fand er sich in einer Gruppe Überlebender wieder. Alle waren mehr oder weniger verletzt. Brüche, Schnitt- und Platzwunden. In der Mitte stand ein bulliger Mann mit Glatze und Stiernacken. Miles hatte ihn an Bord einige Male gesehen. Es war der Chief des Marinekontingents an Bord.
Ein weiterer Marine mit blonden Irokesenschnitt stürzte aus dem Wrack, den linken Arm voller Waffen, einem MedKit und weiterer Ausrüstungsgegenstände. Der Rechte verharrte in einer Schonhaltung. Vermutlich war er gebrochen oder wenigstens verstaucht.
"Das war es, Sergeant.", sagte sie: "Mehr konnte ich nicht retten."
"Noch Überlebende an Bord?", brummte der breit gebaute Marinesoldat.
"Negativ, Sir. Ich bin alle noch zugänglichen Abteilungen abgelaufen. Nichts!"
Der Sergeant erhob die Stimme: "Alles herhören! Ich bin Sergeant Tulloch. Die Vargr haben uns abgeschossen. Sie sind jetzt auf den Weg hierher, um uns fertig zu machen. Den Gefallen werde ich ihnen nicht tun. Ich werde mit meinen Leuten nach Norden abrücken und uns zu unseren Linien durchschlagen." Er machte eine Pause, um das Gesagte wirken zu lassen.
"Wenn sie hierbleiben oder auf eigene Faust fliehen wollen, bitteschön. Wenn sie sich aber uns anschließen, habe ICH das Kommando und niemand anderes."
Der Sergeant sah Miles düster an. Zuerst verstand er nicht, aber dann wurde es ihm klar. Miles war Lieutenant und - soweit er sehen konnte - der Ranghöchste unter den Überlebenden. Auch wenn sie unterschiedlichen Waffengattungen angehörten, hatte er nun als Offizier die Befehlsgewalt - jedenfalls theoretisch.
Während Miles noch über die Bedeutung grübelte, meldete sich eine andere Stimme zu Wort.
"Die Beiden hier sind nicht transportfähig, Sergeant." Der Schiffssanitäter - selber mit einem Arm in einer Schlaufe - sah den Marinesergeant groß an und deutete auf zwei auf dem Boden liegenden Crewmitgliedern.
"Richtig. Deswegen bleiben sie hier."
Dem Sani blieb empört der Mund offen stehen: "Sergeant. Die Vargr machen keine Gefangene. Wenn wir sie hierlassen, können wir sie auch gleich umbringen." Jeder wusste, dass da etwas Wahres dran war.
"Ja.", meinte der Sergeant trocken: "Und auf dem Transport bringen wir sie dann um und die Vargr danach uns." Damit war für ihn das Thema erledigt.
Er kramte in dem Waffenfundus, nahm einen Gausskarabiner und warf diesen Miles zu.
"Können sie damit umgehen, Mister Navy?" Er schien davon auszugehen, dass Miles mit ihnen mitgehen wird. Natürlich! Militärisch hatte es Hand und Fuß, aber moralisch war es das Letzte.
"Verschanzen wir uns irgendwo im Wald!", schlug der Sani vor: "Wir nehmen die Verwundeten mit und verstecken uns irgendwo im Unterholz."
"Blödsinn!", knurrte der Sergeant: "So kommen wir nicht weit. Die Vargr drehen jeden Stein hier in der Gegend um und werden uns finden und killen."
"Dann bleibe ich hier!", sagte der Sani, entschlossen, aber mit dünner Stimme. Der Sergeant nahm es reaktionslos zur Kenntnis. Dann wandte er sich ab und ging los. Vier Marines folgten ihm ohne zu zögern; einer war übel zugerichtet und konnte sich anscheinend kaum noch auf den Beinen halten. Die übrigen sechs Überlebenden gehörten zur Schiffsbesatzung, Unteroffiziere und Mannschaften. Sie blickten Miles erwartungsvoll an, so als ob sie auf ein Befehl von ihm warteten. Immerhin war er der einzige anwesende Navy-Offizier und höchster Dienstgrad. Dass seine Infanterieausbildung nur kurz war, lange zurücklag und er über keinerlei Kommandoerfahrung verfügte, schien sie nicht zu stören. Aber auch er wusste, dass die Vargr selten Gefangene machten. Er fällte die bislang schwierigste Entscheidung seines Lebens!
"Wir schließen uns den Marines an." Als er losmarschierte, vermied er den Blickkontakt zu dem Sani und den beiden Schwerstverletzten. Er hasste sich dafür!
Fortsetzung folgt ...
Geschrieben: Juni 2026
Autor: Matthias Stilke (c)
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