Veröffentlicht: 14.07.2026. Rubrik: Fantastisches
Der Codex - Teil 5(5)
Fünf
Dann war plötzlich Stille. Menza gab Miles ein Zeichen und rannte mit erhobenen Händen auf die Stellung ihrer Kameraden zu. Miles tat es ihr nach.
Unten bei den Felsen knieten und lagen einige Marines in ihren Deckungen. Zwei Soldaten und auch drei Crewmitglieder lagen tot zwischen ihnen.
Aber die Gesichter der Überlebenden strahlten erleichtert. Anscheinend hatten sie schon mit ihrem Leben abgeschlossen.
"Wo ist Sergeant Tulloch?", fragte Menza in die Runde. Etwas betreten zeigten ihre Kameraden mit ihren Waffen nach hinten. Sie ging los und Miles folgte ihr. Die anderen Marines blieben zurück - sie spürten, dass da etwas im Busch war.
Hinter einem gesprungenen Felsen lag Tulloch - an Armen und Brust verwundet mit einer großen Platzwunde auf der Stirn. Irgendjemand hatte ihn die Uniform aufgeschnitten und seine Wunden mehr schlecht als recht verbunden. Er atmete schnell und oberflächlich, war aber bei Bewusstsein.
Als er Menza sah, knurrte er: "Gehen sie mir aus den Augen, Corporal."
"Moment, Sergeant.", warf Miles ein: "Corporal Menza hat gerade ihren Arsch gerettet!"
"Sie hat einen direkten Befehl verweigert.", brüllte er heiser: "Sie ist erledigt. Ich werde sie fertig machen, wenn wir wieder im Stützpunkt sind."
"So?", sagte sie und steckte die Pistole zurück in den Halfter: "So wie ich das sehe, werden sie hier verrecken."
"Na und? Ich habe Corporal Gus die Meldung über den Vorgang übergeben. So oder so - sie sind erledigt, Menza."
Sie wandte sich an Miles: "Es ist zwecklos, Lieutenant. Lassen wir ihn hier. Die Vargr kommen bestimmt zurück. Wir müssen weiter."
"Das können wir nicht tun.", sagte Miles, leise aber bestimmt.
"Nein? Können wir nicht? Dieser Mistkerl hat ... "
"Einen Augenblick, Corporal. Ich weiß etwas Besseres.", sagte Miles, zog die Kanüle aus seiner Tasche und injizierte das Medikament in Tulloch's Oberschenkel.
Sergeant Tulloch riss überrascht die Augen auf. Als er sich wehren wollte, war es bereits zu spät. Das Beruhigungsmittel verteilte sich schnell in seinem Körper und er fiel in einem Heilschlaf.
"Was soll das?", rief Menza erstaunt.
Miles hielt seine Hand hoch: "Abwarten, Corporal." Dann ging er an ihr vorbei zu den übrigen Marines, die das Geschehen aus einigem Abstand verfolgt hatten.
"Wer ist Gus?"
Ein junger Corporal hoch die Hand: "Ich, Sir."
"Sergeant Tulloch hat ihnen das Kommando übertragen?"
"Ja, Sir."
"Okay. Der zerstörte Panzer verfügt über medizinisches Bergungsgerät. Holen sie es her. Wir nehmen Sergeant Tulloch mit und gehen weiter nach Norden."
Die Marines schauten sich einen Moment fragend an. Schließlich sagte Corporal Gus "Ja, Sir." und rannte los.
Sie fixierten den Sergeant auf einer Trage und nahmen den Marsch wieder auf. Vier Personen trugen abwechselnd den ohnmächtigen Tulloch. Menza ging voran und Miles bildete mit einem Marine die Nachhut.
Sie kamen nicht schnell voran. Wie befürchtet, hatten die Vargr schnell aufgeholt und waren in Schussreichweite. Die Gruppe nahm zwischen den Bäumen wieder eine Verteidigungsstellung ein.
Plötzlich hörten sie Fluggeräusche. Eine Staffel Imperialer Grav-Panzer surrten von Norden heran und nahmen die Vargr unter Feuer. Zwei landeten neben der Marschgruppe. Schwer bewaffnete Soldaten in Gefechtspanzern stiegen aus und übernahmen die Besatzungsmitglieder und Marines. Tulloch wurde als erster verladen und von einem Sanitäter betreut.
Inzwischen wurden ihre Vargr-Verfolger vernichtet.
Die Staffel sammelte sich und flog nach Norden. Nach einiger Zeit erreichten sie den Imperialen Stützpunkt. Die Verwundeten (es waren praktisch alle) wurden sofort in den Sanitätsbereich des Bataillons befördert und versorgt.
Miles Verwundungen waren nur oberflächlich und er konnte zusammen mit den anderen leicht Verletzten in den Beobachtungstrakt verlegt werden. Dort traf er auf Corporal Menza. Ihr rechter Arm war geschient und ihre Knie durch mechanische Manschetten gestützt.
Nach einer Weile sagte er: "Glück gehabt, dass sie uns gefunden haben. Das war knapp."
Sie nickte nur.
"Was ist mit Tulloch?", fragte er schließlich.
"Es hat ihn übel erwischt, aber er ist bei Bewusstsein. Er wird durchkommen. Und ich bin erledigt."
"Naja. Vielleicht auch nicht!" Miles stand auf und humpelte in das Behandlungszimmer, in dem der Sergeant alleine in einem Autodoc lag.
"Was wollen sie?", fuhr Tulloch ihn an.
"Ich möchte, dass sie ihre Anklage gegen Menza fallen lassen."
Der Sergeant wollte laut loslachen, aber sein lädierter Brustkorb machte es zu einer schmerzhaften Angelegenheit.
"Fallen lassen? Was haben sie denn geraucht, Mann."
"Ganz ruhig, Sergeant! Als sie mich im Wald anbettelten sie mitzunehmen, klangen sie noch ganz anders."
"Ich hatte nicht darum gebeten. Sie haben mir ein Beruhigungsmittel injiziert."
"Das wird bestimmt nicht in meinem Gefechtsbericht stehen, Tulloch. Sie haben mich förmlich angefleht, dass wir sie mitnehmen. Mit Blick auf Valberg und den beiden Verwundeten am Wrack macht es sich bestimmt nicht gut in ihrer Akte."
Es dauerte einen Moment bis der Sergeant begriff.
"Sie verdammter Schweinehund!", knurrte er.
Epilog
Tulloch zog seine Anklage zurück, aber Miles war sich sicher, dass er sich mit seinem Verhalten einen Feind auf Lebenszeit gemacht hatte. Nach seiner Genesung teilte das Navy-Kommando ihn einer anderen Observationseinheit zu.
Tulloch's dezimierte Truppe wurde aufgelöst und auf andere Kontingente verteilt. Corporal Menza musste ein halbes Jahr in einem Rehabilitationszentrum verbringen und übernahm danach ein Platoon Marineinfanterie der Besatzungstruppe.
Ein Marinekommando barg Private Valberg's Leiche. Der Sanitäter und die Schwerstverletzten am Wrack gerieten in Gefangenschaft der Vargr, welche nur der Sani überlebte.
Vier Monate später waren die Vargr-Streitkräfte auf Felton aufgrund hoher Verluste und mangelnder Versorgung körperlich und moralisch am Ende und ergaben sich.
Ende
Geschrieben: Juni 2026
Autor: Matthias Stilke (c)
www.kurzgeschichten-stories.de
3x




