geschrieben 2026 von Kairos Prime (KairosPrime).
Veröffentlicht: 27.02.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Die verlässliche Kälte - 6 - Ende
Normal
Normal war kein Wert mehr.
Es war eine Einstellung.
Sie öffnete das System am Morgen, ohne darüber nachzudenken. Die Oberfläche hatte sich kaum verändert. Farben, Anordnung, Schrift – alles vertraut. In der Übersicht stand das Wort, unauffällig, grau hinterlegt. Normalbetrieb.
Sie klickte es nicht an. Das war nicht nötig.
Draußen lag die Stadt still, nicht ruhig, sondern eingeübt. Menschen gingen ihrer Wege, angepasst an Temperaturen, die niemand mehr benannte. Kleidung war funktional, Bewegungen effizient. Niemand blieb stehen, um das Wetter zu prüfen. Es war da.
Im Radio lief eine Meldung über Verkehrsaufkommen. Keine Erwähnung von Frost oder Tau. Die Information bezog sich auf Zeitfenster, nicht auf Bedingungen. Das hatte sich bewährt.
Sie erinnerte sich, dass man früher Vergleiche gezogen hatte. Dieses Jahr kälter als das letzte, milder als jenes. Die Gespräche hatten aufgehört, als die Vergleiche keinen Zweck mehr erfüllten. Jetzt war es ausreichend zu wissen, was galt.
Im Büro unterschrieb sie drei Vorgänge. Alle im Rahmen der aktuellen Referenz. Keine Anmerkungen. Keine Abweichungen. Der Stempel hinterließ ein sauberes, dunkles Rechteck auf dem Papier. Ein Abschluss ohne Bedeutung.
Zur Mittagspause ging sie hinaus. Die Sonne stand tief, klar, ohne Wärme. Sie blendete nicht. Sie reichte.
Auf einer Bank saß jemand und aß. Langsam, ohne Handschuhe. Es war möglich. Das war die einzige relevante Information.
Am Nachmittag erhielt sie eine kurze Nachricht. Bestätigung erhalten. Kein Betreff. Kein Zusatz. Sie löschte sie, wie alle anderen.
Zu Hause stellte sie den Wasserkocher an, stellte ihn wieder aus, als es reichte. Sie hatte gelernt, den Punkt zu erkennen, an dem genug war. Das galt für vieles.
Am Fenster blieb sie kurz stehen. Nicht, um hinauszusehen, sondern um den Übergang zwischen drinnen und draußen wahrzunehmen. Die Scheibe trennte zuverlässig. Wärme war kein Thema mehr, sondern ein Zustand, den man hielt.
Sie dachte nicht an frühere Jahre. Nicht bewusst. Erinnerungen waren vorhanden, aber sie hatten keinen Auftrag mehr. Sie mussten nichts erklären, nichts korrigieren.
Normal bedeutete nicht, dass alles gut war.
Es bedeutete, dass nichts mehr verhandelt wurde.
Sie schaltete das Licht aus, ließ es wieder an. Draußen veränderte sich nichts.
Der nächste Tag würde kommen.
Wie vorgesehen.
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Diese Geschichte endet nicht.
Sie bleibt.
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