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geschrieben 2026 von en-hedu-ana (En-hedu-ana).
Veröffentlicht: 11.04.2026. Rubrik: Unsortiert


Markus Wolf III: Der neue Mensch

Zur Erklärung:
Mich faszinert die Person Markus Wolf schon lange. Nun, da ich Ferien habe, spürte ich in mir den Wunsch, wieder in die Tasten zu hauen und etwas, irgendetwas zu Papier zu bringen. Eine Fingerübrung, die keinen Sinn haben müsse. Doch je länger ich schrieb, desto stärker zog es mich von der anderen Seite her. Ich schrieb und schrieb, bis mir klar wurde: Da möchte etwas raus. Fragen tauchten auf, die wohl solch ein Echo besaßen, dass der da drüben wach wurde ...

Dies ist der dritte Teil meiner Wolf-Trilogie.


Der neue Mensch

Er hatte ein unheimlich charmantes Lächeln und wenn er etwas sagte, klang es weich, geradezu sanft und wirkte beruhigend. Aber das half auch nichts gegen mein Herzflattern und die weichen Knie, wenn er vor mir an der Kasse stand und mir dabei zusah, wie ich die Ware in die Kasse eingab. Und wehe ich hob den Kopf, dann trafen sich unsere Blicke. Und er hielt meinen Blick etwas länger als üblich. Das habe ich mir nicht eingebildet, auch, dass seine Augenbraue zuckte. Ich hatte gerade Die Legende von Paul und Paula gesehen und fragte mich, wie es Paula fertiggebracht hatte, während des Kassierens noch zu singen und mit den Kunden zu scherzen … Total unrealistisch! Ich hockte nämlich auf meinem Stuhl, begann zu schwitzen und traute mich nicht, ihn zu fragen, ob er vielleicht Schauspieler sei, weil er so akzentuiert sprach. Dazu dieser seltsame Dialekt, nicht ganz sächsisch und doch schwingend. Ich erinnere mich, dass ich schon damals gedacht hatte, dass er sich diese Sprechweise antrainert habe.

Ich hob für ihn so manches Mal etwas Gutes auf, um es ihm dann unauffällig zu geben. Einmal war es feinstes Konfekt, dann wieder ein Korb Erdbeeren, Likör. Ich tat es, ohne zu wissen, wen ich da vor mir hatte und er ließ es mich nie spüren, dass er darauf nicht angewiesen war. Er nahm es an und bedankte sich geradezu herzlich dafür. Einmal brachte er mir sogar Nelken mit – rote Nelken. Ich glaube, dass das nicht gespielt war, dass er wirklich dankbar dafür war. Lange Zeit erfüllte mich das mit Glück.

„Die sind für Sie. Dafür, dass Sie sich immer so rührend um mich sorgen“, sagte er. Ich konnte kaum atmen, als ich ihm in die Augen sah und mich dabei ertappt, seine Paula sein zu wollen und er mein Paul, nur nicht so verstockt und gehemmt und verbiestert, sondern frei und frisch.

So einen Mann wie ihn trifft man nicht alle Tage, nicht einmal auf der Fischerinsel, wo es von Künstlern und hochrangigen Parteimitgliedern wimmelte. Mit so einer Aura. Immer gerade gehend und so wirkend, als betrachte er die Welt von oben. Aber nicht unangenehm, oder abwertend, eher beobachtend, auch ein wenig spöttisch. Aber genau das mochte ich an ihm.

Am 04.11.1989 war ich auf dem Alexanderplatz. Obwohl ich mich dem Geist der Zeit verpflichtet fühlte, hatte ich von der Demonstration nur durch Zufall erfahren. Es stand für mich fest, dass ich an ihr teilnehmen müsse. Obwohl es mir nie schlecht ergangen war – und wir, als Kaufhallenmitarbeiter ab und zu Sonderleistungen erhielten – wusste ich doch, dass es in diesem, meinem Land, keine Demokratie gab. Ich erinnerte mich an die Montagsdemonstrationen, auch an die Ereignisse des 7. Oktober. Freilich wurden sie im DDR-Fernsehen als Notwendigkeit dargestellt, dem Klassenfeind in den eigenen Reihen beizukommen. Aber was hatten die Menschen anderes getan als friedlich zu demonstrieren – vor allem angesichts Gorbatschows?

Ich befand mich in der Menge, recht weit vorn und konnte die Redner allesamt sehen. Ich sah Ulrich Mühe, Johanna Schall, Christa Wolf, Heiner Müller, Steffi Spira. Ich lauschte ihren Worten und klatschte und fühlte mich verbunden mit all den anderen Menschen um mich her. Wir waren ein Volk, das spürte ich hier zum ersten Mal. Und es gab mir Kraft und Halt und Zuversicht. Ich war gerade 39 geworden und fieberte einer neuen Zeit entgegen, einem neuen Leben. Der Westen lockte mich weniger, als die Möglichkeit, an der Veränderung in diesem, meinem Land, mitwirken zu können und wenn nicht das, so doch Zeuge dieser Bewegung zu sein. Es war ein großartiges, überwältigendes Gefühl, daran teilzuhaben. Auch wenn es kalt war und trüb und leicht zu nieseln begann, spürte ich Wärme in mir. Ich fühlte mich getragen und geborgen.

Und dann betrat ein Mann die Bühne. Ich traute meinen Augen nicht, aber es bestand kein Zweifel: er war es. Seinen Namen hatte ich nicht verstanden. Markus …? Mein Herz begann zu rasen. Schon war ich versucht, mich an einen Mitdemonstranten zu wenden, um ihn zu fragen.

„Wer ist der?“, fragte ich.

„Bitte?“ Mein Nachbar verstand nicht.

„Der … der Mann auf der Tribüne.“

Er sah mich kurz an, dann zuckte er mit den Schultern. „Markus Wolf hab’ ich verstanden.“

„Etwa Christa Wolfs Mann?“, entfuhr es mir

„Nee, der heißt Gerhard“, erwiderte er.

Er war älter geworden. Sein Haar ergraut, er selbst in einen grauen Mantel gekleidet. Am Revers trug er das Emblem der Friedensbewegung.

„Nicht ohne zu zögern nutze ich die Möglichkeit an dieses Mikrofon zu treten“, begann er und ich war wie geblendet und musste mir Mühe geben, alles zu verstehen.

Er sprach sich für die Erneuerung der DDR aus. Die Leute beklatschten ihn zunächst. Aber als er davon sprach, dass es nicht seine Partei sei, die zu dieser Demonstration aufgerufen habe, sie vielmehr die Zeichen der Zeit ignoriert habe, da begannen sie um mich herum zu buhen und zu pfeifen, um sogleich wieder zu klatschen, als er sagte, dass die vorangegangene Zeit am 7. Oktober ihr Ende gefunden habe und wir – und damit meinte er uns alle in diesem Land – es nicht zulassen dürften, dass sie zurückkäme.

Ich verstand nicht, warum die Menschen ihn letztlich wieder ausbuhten und das in einer Weise, die mir Angst machte. Es war eine Wucht, die mich von allen Seiten traf. Unwillkürlich duckte ich mich, als ich Stasi, raus!-Rufe vernahm.

Später in einer Kneipe – ich musste dahin, um mich zu beruhigen –, geriet ich in eine Diskussion. Vielleicht hätte ich mich rausgehalten. Doch als der Name Markus Wolf fiel, konnte ich nicht an mich halten. Es ist sonst nicht meine Art, mich an Gesprächen zu beteiligen, schon gar nicht, wenn sie politisch wurden. Doch nun war ich aufgeputscht, nahm mir einen Stuhl und setzte mich zu den anderen.

„Warum dieses Buhen vorhin?“, fragte ich ganz offen. „Warum, ich versteh’s nicht.“

„Mädchen“, sagte da einer, tief über sein Bier gebeugt, „das ist der Stasi-Wolf.“

„Na und?“, widersprach ich. „Er sagt doch die Wahrheit. Was ist falsch daran, sich für Glasnost und Perestroika einzusetzen? Für Erneuerungen in diesem Land?“

Er sah nicht auf, als er sagte: „Es ist nicht das, was er sagte, sondern, dass er es sagte.“

Ich dachte in dem Moment ungewöhnlich schnell. „Das heißt doch, dass … jetzt Mal abgesehen davon, dass wir heute alle da draußen waren, aber wie wandlungsfähig, wie erneuerungsfähig sind wir selbst? Was, wenn wir …“ Ich unterbrach mich, weil mir mein Gedanke Angst zu machen begann. „Was, wenn wir gar nicht fähig sind, das Geforderte umzusetzen, wir als Volk, als Menschen dieses Landes, einfach weil wir so sind, wie wir sind?“

„Du meinst also, dass wir genau die brauchen, die uns verraten haben?“, rief einer dazwischen.

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