Veröffentlicht: 15.05.2026. Rubrik: Menschliches
Die unbekannte Tochter
Mit danke das du gekommen bist reichte Verena mir die Hand. Ein neutraler Ort, zwischen unseren Wohnorten liegend und eine Ausflugsgaststätte die einmal bessere Zeiten gesehen hatte, vorgeschlagen von ihr.
Sie ist oder auch nicht die Tochter meines verstorbenen Bruders. Ich selbst wusste nicht das da eine Tochter existiert, bis Verena mich anschrieb. Es begann etwas holprig, vorsichtig von mir aus. Ohne Beweise kann man viel erzählen. Mein Bruder verstarb vor drei Jahren, bekam dazu eine kurze Nachricht einige Wochen später.
Die Beweise von ihr kamen per Mailanhang, nachdem wir einmal telefonischen Kontakt hatten. Ab da nur noch per Mail, weil es einfacher war. Mein Bruder war etwas speziell. Unter speziell fallen alle seine negativen Eigenheiten, die entstanden durch seinen Narzissmus und die Gier nach Geld und mehr. Nach dem Tod unserer beider Elternteile sagte ich ihm das wars mit uns. Ich zog eine Lebenslinie, hatte ab da keinen Bruder mehr, blockte ihn überall, wo es ging.
Zuerst verstarb sein schwerbehinderter Sohn, drei Jahre später seine Frau. Er selbst lebte ab da schon in einem Heim. Verena, wurde wohl als Baby abgegeben, denn in den Jahren damals wollten ihre Eltern ihr Leben ohne die Last eines Kindes ausleben. Es wurde von ihnen geheim gehalten niemand wusste etwas von einem Kind.
Ich wollte und musste nicht alles wissen. Damals als er seine Frau kennenlernte, gleich zu ihr zog hielt ich mich fern von ihm wollte ihren Protzereien und gleichzeitig dem Alkoholkonsum fernbleiben. Wir können uns das alles leisten, einmal so gehört reichte mir.
Nun saß seine Tochter, die es ja nie gab vor mir. „Erzähl mir von meinen leiblichen Eltern, ich weiß außer den Dokumenten und Fotos, die mein Vater mit hinterließ, nichts. Sein Erbe nahm ich an. Es gab nur eine kleine Summe nach all den Kosten“.
Was sollte ich ihr erzählen? Ihre Dokumente waren echt, auf Fotos wir als Jugendliche und Erwachsene zusammen zu sehen. Auf den Rückseiten stand Text mit Datum und Namen.
„Ich habe niemand mehr. Meine Pflegeeltern sind verstorben, eigene Kinder hatte sie nicht. Ich lebe allein, weil es leichter ist und deinen Bruder sah ich nur einmal kurz bevor er starb. Er war dement, wusste aber wer ich bin, hatte mich nicht vergessen“.
„Hat er mich erwähnt?“
„Ja, er sagte alles täte ihm leid aber seine Frau wollte es so“.
„Da hat er einmal die Wahrheit gesagt. Sie war dominant, beherrschte ihn völlig. Niemand verstand es. Ich habe vor Jahren einmal etwas über beide geschrieben, es veröffentlicht, bis das Autorenportal geschlossen wurde“. Ich griff in meinen Aktenkoffer, entnahm ihm ein ausgedrucktes Manuskript. „Lese es später mal, wird dich erschrecken und gleichzeitig wirst du aufatmen, denn so wurde dir viel erspart“.
„Danke, da muss zwischen euch ja viel passiert sein. Ich weiß nicht, ob es gut ist alles zu erfahren“. Sie schob das Manuskript wieder zu mir hin. „Ich möchte es jetzt nicht haben. Alles hat mich aufgewühlt. Er besaß ein Notizbuch mit Namen, googelte und alle bis auf einen waren verstorben. Dieser eine wollte nicht mit mir sprechen, sagte nur er war ein übler Mensch, der jedem gerne Schaden zufügte oder Intrigen inszenierte. Dabei fiel dein Name und der seiner Schwiegermutter, die sich erhängte in der Garage ihrer Tochter. Stimmt es wirklich?“
„Ja, sie haben sie förmlich in den Tod getrieben. All das könntest du lesen, es gab noch mehr. Das Karma hat beide am Ende erwischt. Sie haben für ihre Schandtaten bezahlt“. Erinnerungen sind nicht aufbauend, eher meist bedrückend. Die Rache meines Bruders so sah ich es holte mich wieder ein nach seinem Tode. Vergessen schien unmöglich, sie sah mich an.
„Ich würde gerne alles von ihm verbrennen, du wohl auch“.
„Verena, wir leben anders als diese beiden. Sei froh nicht ihre Gene alle zu haben. Sie hatten durch ihren Gendefekt einen behinderten Sohn. Keine Angst ich höre auf, bekommt mir nicht gut mich daran zu erinnern“.
„Ich konnte lange Zeit nicht mehr die Nacht durchschlafen, all die Fragen und dazu die Angst nun völlig allein zu sein“.
„Du bist nicht allein, hast jetzt einen Onkel“.
Sie lächelte, trank ihre Kaffeetasse leer. Die Welt ist klein und voller Überraschungen. Ich wollte es langsam angehen, sie wohl auch. Die Toten sollen ruhen, er lag in einem Urnengrab und Verena wollte versuchen zu vergessen. Ich hatte an ihn nicht mehr gedacht, war froh damals alles von ihm bis auf drei Fotos verbrannt zu haben, wollte so schlechte Erinnerungen auslöschen. Ein schwarzes Schaf gibt es in jeder Familie sagte meine Mutter über ihn. Ich gab ihr da recht. Meine Lebenslinie zu ihm habe ich nie bereut.
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