Veröffentlicht: 11.08.2026. Rubrik: Menschliches
Glaub niemandem der sagt es ist normal heute.
Vor Weihnachten 1995
Ingeborg, eine Kollegin, interessierte mich erst nach der Betriebsfeier, die einmal im Jahr stattfand, stets mehr als feucht war. Bier im 50Liter Fass, Sekt und eine Getränkebar die sich sehen lassen konnte. Wir sagten Erntedankfest dazu.
Meine Magenprobleme, beruflich eher bedingt als alles andere, ließen mich zu Fruchtsäften und Wasser greifen. Tanzen ging noch nach 23 Uhr mit der Frau vom Chef, die mir nüchtern schien. Draußen im Grünbereich fanden Begegnungen statt der anderen Art. Für eine Firmenfeier wohl normal. Gutes Betriebsklima, wenigstens unter den jungen Beschäftigten war vorhanden. Man tanzte zusammen, bevorzugte Klammerblues. Draußen klammerte man kürzer oder länger.
Zur späten, eher frühen Stunde des neuen Tages, nahm ich Ingeborg im Auto mit. Es stimmt so nicht genau. Wir fuhren zu ihr wegen ihrem Zustand. Eine Frau in dem Zustand bringt man besser ins eigene Bett, bevor sie ihr Ego ausspeit vor aller Augen.
Ich hätte gleich weiterfahren können, tat es aber nicht. So wurde ich zum Pfleger, Jungpfleger, kein Altenpfleger. Ingeborg spuckte säuerlich in die Toilette. Durch meine Hilfe lag ihr Kopf nicht in der Schüssel, blieb etwas darüber. Es ging dennoch was daneben, lief über die Badfliesen. Ich brauchte zwei Handtücher zum Entfernen.
Niemand lässt eine Frau in dem Zustand allein. Meine zwei Finger in ihrem Hals machten sie leichter, nicht schöner. Jeder hätte gesagt so eine Sauerei. Warmes Wasser und ein Waschlappen, ein Badetuch danach, ließen mich Ingeborg nackt in ihr Bett bringen, eine Plastikschüssel davorstellen. Es ging nur nackt, ich wollte nicht in ihren Sachen wühlen aber all ihre Kleidung gehörte in die Waschmaschine. Die vorher fast Sterbende schlief gleich ein. Um 5 Uhr, es wurde langsam hell, lebte sie noch. Ich fühlte den Puls, hörte ihre Atemzüge und fuhr nach Hause.
Heute würde man, nicht jeder tut es, Beweisfotos oder sogar ein Filmchen machen mit dem Handy.
Wir sahen uns erst wieder in der Firmenkantine.
Sie sagte nur, ich mach es wieder gut.
Ich verstand da zwar nicht genau wie sie es wollte, nickte nur, ging weiter, um mein Tablett in den Geschirrwagen zu stellen. Es gab Augen, die alles sahen, nichts überhörten. Ich hielt dicht, es ging niemand was an.
--------------------
Es muss so einige Wochen später gewesen sein als mir Hartmut, wir teilten uns einen Büroraum, erzählte Ingeborgs Führerschein liegt nun nicht mehr in ihrer Handtasche. Es konnte alles bedeuten, interessierte mich eigentlich wenig.
Die Bushaltestelle in Firmennähe bekam eine Wartende mehr. Es regnete, ich hielt an, zwei Frauen aus der Firma wollten mit, stiegen ein. Um keinen Verdacht zu erregen, ließ ich Frau Nelde mit Ingeborg einsteigen.
Ich brachte zuerst Frau Nelde bis vor ihr Haus, anschließend Ingeborg nach Hause, die gleich fragte ob ich Zeit hätte für einen Kaffee bei ihr.
Da saß ich in der mir schon bekannten Wohnung mit einer vollen Tasse Kaffee, besser einem Becher mit viel Milch in der Hand, auf Ingeborgs weichem Sofa. Von der kleinen Küche her hörte ich Glasklang, sie räumte wohl leere Flaschen weg. Komme gleich, sagte sie zweimal.
Ich blieb sitzen, wartete.
Sie kam, setzte sich mir gegenüber in einen Sessel, schlug die Beine übereinander. Ich sah ihrem Gesicht an, das in ihr einiges arbeitete. Mach einen auf doof sagte ich mir, sei anders als sonst.
„Schön hast du es hier, klein, aber fein wie bei einer Innenarchitektin. Alles passt farblich zueinander“.
Sie nickte, trank aus ihrem Becher.
„Du fährst jetzt Bus, ist es wegen dem Parkverbot und weil du bisher keinen Firmenparkplatz hast?“
„Mein Auto ist zur Inspektion, bekomme es nach 1 Monat zurück“.
„Du hast ein japanisches Auto, bis die Ersatzteile aus Japan hier sind, es dauert“.
Sie nickte, grinste dann, trank wieder und hielt den Kaffeebecher länger vor ihrem Gesicht.
„Lebst du hier allein oder mit Freund?“
„William, tu doch nicht so als, wenn du nicht wüsstest, dass ich hier allein wohne. Mein Führerschein ist für einen Monat einkassiert worden und dir habe ich doch viel Arbeit hier gemacht, du hast mich gerettet vor dem Ertrinken in der Kloschüssel. Ich habe es nicht vergessen, als ich wach wurde, nackt im Bett lag. Warst du mal Ersthelfer?“
„Bei dir nicht, eher Dritthelfer spezialisiert auf betrunkene Frauen, denen ich das Leben rette. Beruflich mache ich derzeit nebenbei etwas anderes. Du kannst mich als Callboy mieten“.
„Du bist wirklich so wie Melanie dich mir beschrieben hat, ein bisschen bekloppt. Sie hat gesagt pass auf der macht Rollenspiele als Hobby“.
„Stimmt, einmal war Melanie dabei. Lustiges Wochenende wir haben viel gelacht. In der Nacht habe ich mir wegen dir echt Sorgen gemacht. Du warst schneeweiß im Gesicht, wollte schon den Notarzt anrufen“.
„Danke, dass du dichtgehalten hast, war mir arg peinlich. Die haben mir was ins Glas geschüttet, vertrage sonst mehr“.
Meine Tasse leer, stand auf, meinte es reicht für den Tag. So fing es an mit Ingeborg.
2x



