geschrieben 2026 von Matthias Stilke (CaptainX).
Veröffentlicht: 03.09.2026. Rubrik: Aktionen
Jovanoiden - Aktion September 2026
Für die Kurzgeschichten-Aktion September 2026 'Anders und doch wunderbar' habe ich eine kleine Exkursion aus einer größeren (bislang noch nicht veröffentlichten) Scifi-Story gewählt, die zu dem Thema passt.
*
Auf ihrer Flucht vor der Kfue-Flotte tauchten Thora und Ben mit ihrem Schiff 'Tiefenraum' in die Atmosphäre eines Gasplaneten ein, der bei den Vargr Krrashrkh hieß. Die turbulenten, energiegeladenen Wolkenschichten boten einen relativ guten Ortungsschutz vor ihren Verfolgern, störten aber auch ihre eigene Sensorik.
Ben war fix und fertig. Nachdem er einen zufälligen Zickzack-Kurs in konstanter Flughöhe programmiert hatte, überließ er Thora die Flugkontrolle auf der Brücke und zog sich zurück.
*
Der Schiffsalarm bellte. Ben schreckte hoch. Einen Moment wusste er nicht, wo er war. Er rief die Brücke über Intercom.
"Was ist los, Thora?" Der Alarm verstummte.
"Nichts Schlimmes. Ich habe dich über Intercom gerufen, aber du hast nicht reagiert. Kommt bitte schnell auf die Brücke. Ich muss dir etwas zeigen."
"Okay", brummte er, zog sich die gammelige Bordkombi über und stapfte aus seiner Kabine.
Als er die Brücke betrat, sah er Thora über das Sensorpanel der Navigationskonsole gebeugt.
"Was ist denn los? Ich habe gerade tief und fest geschlafen."
"Schau mal", sagte sie und zeigte auf das Sensorbild des Tiefenradars.
Zuerst sah er nichts, dann formte sich eine riesige, wolkenförmige Struktur heraus.
"Was, bei allen Göttern, ist das denn?"
Thora zuckte mit den Schultern.
"Keine Ahnung, Ben. Es kam vor einigen Minuten etwa von Backbord. Einen Kilometer unter uns."
"Das ist ja ... riesig!"
"Ja. Einige hundert Meter. Und es verändert permanent die Form."
"Eine dichtere Wolkenformation vielleicht?"
Thora schüttelte den Kopf.
"Das glaube ich nicht. Es bewegt sich schräg zur Windrichtung. Außerdem bleibt die Fläche in der Draufsicht mehr oder weniger gleich. Die Sensoren können allerdings nicht erkennen, wie groß das ... 'Ding' ... vertikal ist und ob sich dort unten vielleicht auch Veränderungen ergeben."
Ben vergrößerte diese merkwürdige Struktur auf dem Sensorpanel.
"Ja. Der Kontrast zum Hintergrund ist zu scharf für eine Wolke."
Eine Weile schwiegen beide.
"Jovanoiden?", meinte Thora schließlich. Dieser Begriff beschreibt Lebensformen in Atmosphären von Gasplaneten.
Ben nickte langsam - was er immer tat, wenn ihm zu einer Angelegenheit nichts besseres einfiel. Eine hunderte Meter große und flexible, mit Wasserstoff gefüllte Gashülle! Warum nicht? Er hatte in seinem Leben schon seltsamere Lebensformen gesehen - wenn auch noch nie in Atmosphären von Gasplaneten. Er war weniger überrascht als von der Größe beeindruckt. Es war allgemein bekannt, dass es in diesen Atmosphären Lebensformen geben konnte. Nur hielten sich diese Kreaturen meist in tieferliegenden Wolkenschichten auf, wo auch spezielle Forschungsschiffe nur selten (und unter hohem Risiko) operieren konnten. Insgesamt waren nur wenige Informationen im Imperium über Jovanoiden verfügbar. In den Vargr-Datenbanken wird sich vermutlich gar nichts finden.
"Es verändert seine Form?", fragte er langsam.
"Ja. Die gesamte Zeit über. Geschwindigkeit und Höhe bleiben aber konstant."
"Hmm."
Ben überlagerte das Sensorbild mit der bisherigen Flugbewegung der Struktur.
"Wow!", rief Thora verblüfft.
"Jepp. Wir fliegen mit dem Wind. Die Flugbahn der Struktur läuft diagonal zu unseren, was an sich schon ungewöhnlich ist. Hier ...", er zeigte auf die entsprechende Stelle auf dem Panel, "... ist es auf unserer Höhe und geht dann in eine leichte Rechtskurve. In einigen Minuten ist es genau unter uns."
"Zufall?"
"Ich glaube nicht. Es muss seine Form geändert haben. Moment mal!" Er ließ auf dem Sensorbild der Flugbahn die Intensität der Größenveränderung farblich ins rot verschoben darstellen.
"Voilà!"
"Unglaublich!", sagte Thora: "Diese Struktur hat kurz vor der Kurve die Form verändert und dadurch die Flugbahn geändert."
"Und das genau auf uns zu. Das kann kein Zufall sein. Ich denke, es hat durch Formveränderung seine Windanfälligkeit erhöht und sich damit in die Kurve gedreht."
Einen Moment betrachteten beide schweigend das Sensorpanel.
"Ob es intelligent ist?", fragte Thora schließlich.
"Schwer zu sagen. Der Computer hat Schwingungen im Energiefeld dieses Wesens gemessen. Für ein zufälliges Muster zu regelmäßig. Es könnte sich um eine Kommunikationsform handeln."
Er schwieg einen Moment.
"Auf jeden Fall ist es empfindungsfähig. Siehe mal! Es ist unter uns vorbeigezogen und geht in eine Linkskurve. Wieder Aktivitäten bei der Formveränderung. Jede Wette - es geht auf seinen alten Kurs zurück."
"Hat es diesmal die Höhe verändert?", fragte Thora.
"Nein. Die Höhe war die ganze Zeit gleichbleibend. Es kann vielleicht so weit oben nicht existieren. Möglicherweise der geringere Druck. Oder die Zusammensetzung der Atmosphäre."
"Lass uns mal hinterher fliegen!"
"Gute Idee!". Ben passte den Kurs an und erhöhte die Geschwindigkeit. Sofort sprachen die Trägheitsdämpfer an, da er das Schiff in den Wind drehte und erhebliche Turbulenzen auftraten. Eigentlich hatten sie zurzeit andere Probleme, aber dieses seltene Ereignis mussten sie einfach näher untersuchen.
Langsam schob sich die 'Tiefenraum' über die Struktur. Der Kontakt wurde schwächer.
"Es sinkt ab!', rief Thora.
"Es hat auf unseren Überflug reagiert.", sagte Ben etwas enttäuscht. Weiter hinunter konnten sie nicht gehen. Sie waren bereits an der Belastungsgrenze ihres Gravitationsantriebs angelangt.
Der Kontakt verschwand langsam in dem diffusen Wolkenmeer unter ihnen.
"Schade, dass wir nicht kommunizieren können."
"Immerhin wissen wir jetzt, dass es empfindungsfähig und vielleicht intelligent ist. Ich trage es ins Logbuch ein."
*
Zu gerne wäre Benjamin länger geblieben. Vielleicht hätte es noch weitere Sichtungen gegeben. Jedoch: Dort oben kurvte immer noch die Kfue-Flotte herum. Früher oder später mussten sie auftauchen und die Blockade durchbrechen.
Geschrieben: Juli 2026
Autor: Matthias Stilke (c)
www.kurzgeschichten-stories.de
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