Veröffentlicht: 29.07.2026. Rubrik: Fantastisches
Letzte Rettung - Teil 3(4)
Drei
Am nächsten Morgen holte Smith sie ab. Helloway hatte auf dem (zu kurzem) Sofa kaum schlafen können. Sie grübelte darüber nach, wie sie sich aus dieser Situation retten konnte.
Die Behörden kontaktieren? Leichter gesagt als getan! Sie bezweifelte, dass sie auch nur einen von Taun's Leuten überrumpeln konnte - selbst wenn Bogh sie dabei unterstützen würde. Und die Taun-Agenten schienen nie zu schlafen, sprachen kaum und hatten sie immer im Blick. Außerdem: Was hätte sie sagen sollen? Dass sie entführt wurde? Einen handfesten Beweis hatte sie nicht und Bogh sah diesen Vorgang eher als notwendig an, auch wenn er sich dabei offensichtlich Unwohl fühlte. Vielleicht hätte sie fliehen können, aber die Taun-Leute würden es sicher nicht auf sich beruhen lassen.
Um 8:00 früh war im Hotel noch nicht viel los und die Straßen leer. Smith stopfte die Beiden und seine Leute in ein kleines Radfahrzeug und fuhr zum Raumhafen.
Die Sicherheitsbestimmungen waren auf dem zivilen Terminal minimal. Das Tragen von Waffen war - bis auf einige militärische Modelle - erlaubt. Gepäck wurde nur stichprobenartig nach Rauschmitteln, Sprengstoffen und Psi-Artefakten kontrolliert, Identifikationen in Listen eingetragen. Smith und seine Leute zeigten brav ihre Handwaffe vor und wurden anstandslos durchgewunken.
Nach einem kurzen Fußmarsch erreichten sie den eingezäunten Landeplatz. Smith' Schiff war ein Vargr-Kurierschiff der Tathoe-Klasse - derselbe Schiffstyp wie bei ihrem letzten Tripp. Für Helloway übersetzte Bogh die Vargr-Symbole des Schiffsnamens als 'Geschickter Jäger'.
Die Besatzung bestand aus drei Vargr. Sie trugen zwar zivile Uniformen der Handelsflotte, bewegten sich und redeten abgehackt wie ehemalige Militärs. Sie nahmen ihre Passagiere kaum zur Kenntnis und kümmerten sich nur um die tägliche Schiffsroutine.
Der Flug nach 122-930 war für Helloway genauso langweilig wie nervtötend. Aus Platzgründen (wie es hieß), musste sie sich eine Kabine mit der weiblichen Agentin teilen. Diese gab sich weiterhin verschlossen und maulfaul, aber von einer verstörenden Aufmerksamkeit.
Auf dem Besatzungsdeck durfte sie sich frei bewegen. Allerdings war in der kleinen Messe immer einer von Smith' Leuten anwesend, so dass sie keine Möglichkeit bekam, sich mit Bogh über ihre Situation auszutauschen.
Am siebten Tag nach dem Start materialisierte sich der 'Geschickte Jäger' in Sprungreichweite zur Welt 122-930. Sie verfolgte zusammen mit Bogh (und den Vargr-Agenten) den Anflug auf einen zentralen Monitor in der Messe. Schnell wurde der Planet größer und grau-weiße Wolkenstrukturen erkennbar.
Das Schiff schwenkte in einen Orbit und begann bald mit dem Abstieg. Das Bild der Oberfläche verschwamm in ein konturloses Einerlei. Helloway blickte aus dem kleinen Fenster der Messe. Die gewohnten Wolkenberge wurden immer größer. Blitze durchzuckten die dunkelblauen und wasserschweren Bereiche. Für Helloway war es schon fast Routine, aber trotzdem fühlte es sich wieder so an, wie der Abstieg zur Hölle.
Aus ihrer Perspektive konnte sie nicht erkennen, wie weit es noch bis zur Oberfläche war. Nach etwa zwanzig Minuten durchlief eine Vibration das Schiff. Sie waren gelandet. Aus dem Fenster glaubte Helloway in den wolkigen Regenböen den Rand der Gebäudestrukturen zu erkennen.
Die runde Landeplattform hatte etwa einen Durchmesser von einhundert Metern und schwamm auf gigantischen Schwimmkörpern auf dem weltumspannenden Ozean des Planeten. Eine massive Verankerung an einem unterseeischen Berg hielt diese Konstruktion auf Position. Die einzigen Gebäude waren ringförmig am Rand der Plattform angebracht.
Wind und Seegang waren wieder einmal extrem. Es schüttete wie aus Eimern. Große Brecher knallten an die Außenseite und manchmal überspülten haushohe Wellen das Landefeld.
Aber sie wollten ja hier keinen Urlaub machen. Helloway, Bogh und der Agent schlüpften wortlos in ihre Allwetterkombis. Der Vargr setzte eine Schutzbrille auf und schulterte einen kleinen aber modernen Karabiner. Dann erschien Smith und die Frau in der Messe - ebenfalls so bewaffnet.
"So, Doktor! Wollen wir dann?"
Bogh antwortete nicht und stieg die Luke nach unten zur Schleuse. Taun's Leute machten keine Anstalten, ihm zu folgen. Stattdessen deutete Smith Helloway, dass sie nun die Nächste war. Sie kletterte Bogh hinterher. In der Innenschleuse stand ein massiver, hüfthoher Zylinder - der Dimensionsscanner.
Hinter ihnen versammelten sich die drei Agenten. Smith meldete der Brücke
Bereitschaft. Die Außenblende öffnete sich. Der Regen hatte etwas nachgelassen, aber der Sturm zog Luft aus dem Schiff und der niedrige Druck knackte in den Ohren.
Smith drängelte sich an Helloway und Bogh vorbei und verließ als erster das Schiff. Er und seine Leute trugen nun dunkelblaue Allwetteranzüge und kurzläufige Automatikkarabiner. Bogh und Helloway folgten ihm. Zwischen sich trugen sie den schweren Dimensionsscanner. Die beiden Agenten bildeten die Nachhut.
Es regnete und stürmte wieder auf 120-930, aber nicht so extrem wie die letzten Male. Die Dünung war hoch und lang - die Plattform bewegte sich langsam und bedächtig in extreme Schieflagen. Einige Meilen entfernt brach die Sonne durch die schweren Regenwolken - ein ungewohnter Anblick.
Die Gruppe taumelte zu dem vergitterten Treppenhaus, dass sie zu den unteren Wartungsebenen führte. Dort winkte Smith Bogh und Helloway auf den Laufgang durch, der zu dem nächsten Pylonen führte.
Helloway orientierte sich. Da hatte sie gestanden und dort war Antonia! Wenn sie sich recht erinnerte, traf sie sich damals dort mit Kirkumu zwischen den beiden Pylonen auf dem Laufgang. Er lief in diese, sie selber in die entgegengesetzte Richtung.
Sie signalisierte Bogh, dass sie Eneri's Standort identifiziert hatte und zog ihn und den Scanner zu diesem Ort. Smith kam hinterher. Der Vargr-Agent blieb am Pylon stehen. Die Frau nahm einen anderen Laufgang, von dem sie Bogh und Helloway gut im Blick hatte.
Sie stellten den Scanner auf die von Helloway angezeigte Stelle und aktivierten den Magnetfuß. Bogh hatte ein kleines Panel in der einen Hand und tastete mit der anderen seine Taschen ab.
"Drahkh!" Das war ein deftiger Vargr-Fluch, den sogar Helloway kannte.
"Was ist los, Doc?", rief sie ihn an.
"Mein Diagnosetool! Ich habe mein Diagnosetool in meiner Kabine vergessen!"
Helloway rollte mit den Augen: "Okay. Lassen sie das meine Sorge sein."
Die ging zu Smith, informierte ihn über diesen Umstand und bat um Erlaubnis, das Panel zu holen. Er nickte ungeduldig, gab seinen Leuten ein Zeichen und winkte sie durch.
Helloway passierte den Vargr und stieg das Treppenhaus wieder nach oben auf das Landedeck.
Ein auf diesen Planeten seltener Sonnenstrahl erhellte gerade die Schiffsflanke. Im Schein sah sie den Schiffsnamen und die Identifikationsnummer - beides auf vargr. Auf einmal fiel ihr auf, dass die Zahlen wie ein Rudel laufender Hunde aussahen. Sie lächelte über diesen Vergleich, aber dann erinnerte sie sich, dass sie diese Darstellung schon mal irgendwo gesehen hatte. Natürlich! In den Flottenaufzeichnungen der Kfue-Streitkräfte, die sie für ihr Buchprojekt recherchierte. Konnte es denn sein ...
Fortsetzung folgt ...
Geschrieben: Juni 2026
Autor: Matthias Stilke (c)
www.kurzgeschichten-stories.de
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