Veröffentlicht: 30.04.2026. Rubrik: Fantastisches
Mysteriös! - Teil 6(6)
Hinweis: Die komplette Story ist in der pdf des Posts von Teil 1 verfügbar.
Sechs
Dann gab es einen Knall. Funken spritzten aus dem Gehäuse des Scanners.
Neben dem Gerät stand plötzlich eine Frau mit dem Rücken zu ihnen. Unverkennbar trug sie eine alte Scoutuniform.
Langsam drehte sich die Gestalt um. Helloway traute ihren Augen nicht! Vor ihr und Bogh stand Chief Antonia Walten-Berg - immer noch mit dem Scanner in der Hand - der Allwetteranzug total durchnässt! In Helloway's Augen sah sie blutjung aus.
Antonia starrte die Beiden einen Moment wie versteinert an. Dann zog sie schnell ihre Pistole und zielte abwechselnd auf Helloway und den Vargr.
"Wer sind sie?", schrie sie verwirrt.
Helloway benötigte einen Moment, um sich zu sammeln, hob aber automatisch die Hände, als Zeichen, dass sie unbewaffnet war. Auch der Vargr war für das Erste sprachlos und hob seine Pfoten.
Antonia aktivierte den Kommunikator an ihrem Kragen: "Eneri. Kommen sie schnell her. Hier stimmt etwas nicht!" Natürlich blieb der Kommunikator stumm.
"Chief!", rief Helloway: "Ich bin es. Nathalie Helloway. Erkennen sie mich?"
"Was?", stammelte der Chief: "Was soll der Unsinn? Nathalie ist gerade ..." Erfolglos sah sie sich um.
"Antonia! Sehen sie mir ins Gesicht. Ich bin es wirklich. Nur etwas älter.", versuchte es Helloway erneut.
Chief Walten-Berg senkte die Waffe etwas.
"Was ist mit ihrer Stimme passiert?"
"Das ist eine lange Geschichte, Chief.", antwortete Helloway: "Das erzähle ich ihnen später. Jetzt müssen sie mir erst einmal vertrauen."
Walten-Berg nickte unsicher und
Helloway legte nach: "Sie haben bei der Landung das Fahrwerk beschädigt. Kommandant Eneri meinte, es sei nicht so schlimm. Wissen sie noch?".
"Richtig.", sprach Antonia leise: "Aber woher ... und wie ..."
"An was können sie sich zuletzt erinnern?", unterbrach Helloway ihre steigende Verwirrung.
Walten-Berg überlegte: "Ich stand hier, gab Nathalie ein Zeichen und nahm einen Scan vor. Plötzlich wurde der Regen weniger. Ich drehte mich um und da stehen sie und der Vargr."
Helloway und Bogh sahen sich an. Sie verstand nicht viel von Vargr-Gesten, erkannte aber sofort, dass sie beide in etwa wussten, was vorgegangen war.
"Antonia!", begann Helloway langsam: "Sie haben über Jahre in einer Dimensionsspalte festgesteckt."
Der Chief grinste übertrieben: "Ja! Klar! Natürlich!" und hob ihre Waffe wieder.
"Ich bin es, Antonia! Nathalie!"
Walten-Berg sah ihr wieder ins Gesicht. Die ältere Frau ähnelte Nathalie wirklich!
"Aber ... wieso ... wieso sehen sie so alt aus?", stammelte sie.
Helloway setzte zu einer Antwort an, aber Bogh war schneller: "In Dimensionsspalten steht die Zeit still. Sie waren knapp 35 Jahre gefangen."
Helloway wünschte sich, dass der Vargr etwas sensibler gewesen wäre - immerhin hatte Antonia immer noch ihre Waffe auf sie gerichtet und war verständlicherweise mental instabil. Der IISS trimmte sein Personal auf unkonventionelle Denkweisen, aber mit derartigen Situationen wurden seine Scouts sicher nicht häufig konfrontiert.
Antonia senkte schließlich ihre Waffe. Sicher nicht, weil sie Helloway und Bogh diese wilde Story plötzlich abkaufte, sondern selbst keine glaubhaftere Erklärung finden konnte.
Helloway merkte es und wollte noch mehr Spannung aus der Situation nehmen.
"Doc! Was ist mit dem Ding? Durchgeknallt?"
Bogh wandte sich dem Dimensionsscanner zu, öffnete ein Wartungspanel und schloss ein Messgerät an. Nach einer Weile schüttelte er den Kopf, was vertraut menschlich wirkte.
"Die Energiezelle ist durchgebrannt. Es muss eine extreme Entladung stattgefunden haben, die die Spalte entstabilisierte."
"Entstabilisierte? Was bedeutet das?"
"Das anglikanische Wort dafür kenne ich nicht. Meiner Theorie nach sind Dimensionsspalten stabil. Ich habe vermutlich mit meinem Scanner ungewollt die Spalte 'entstabilisiert' und dieser Mensch fiel heraus. Ich muss aber die Funktionsprotokolle analysieren, um Näheres sagen zu können. Hoffentlich sind sie nicht beschädigt. Das Gehäuse hat bei den Rückkopplungen eine Menge abbekommen."
Antonia verfolgte verloren und hilflos diesen Dialog. Helloway nahm sich wieder ihrer an.
"Antonia. Geben sie mir ihre Waffe. Lassen sie uns nach oben auf unser Schiff gehen!"
Widerstandslos nahm Helloway ihr die Pistole aus der Hand und führte sie zum Treppenhaus."
An Bord halfen sie Natalie, die nasse Bordkombi abzustreifen. Während Bogh auf die Brücke eilte, um Bericht zu erstatten, setzte sich Helloway mit Walten-Berg in die Messe und holte aus dem Getränkeautomaten zwei Becher mit einem dunklen Gebräu, von dem die Vargr behaupteten, dass es sich um Kaffeeersatz handelte.
Antonia saß eine Weile gedankenverloren da und wärmte ihre klammen Hände am Becher.
"Ich verstehe das nicht!", sagte sie leise und schüttelte den Kopf: "35 Jahre ist das her?"
"Ja.", meinte Helloway ungewollt und etwas zu trocken.
"Was ist danach passiert?"
"Auch Kommandant Kirkumu ist verschwunden. Wir haben dann die Mission abgebrochen und sind zurück nach Aramej."
"Eneri? Ist er etwa auch ..."
"Ja, Chief.", sagte Helloway etwas betreten: "Auch er war plötzlich weg. Wahrscheinlich ist er auch in eine Dimensionsspalte geraten." Antonia's zunächst düsteres Gesicht erhellte sich ein wenig: "Dann können wir ihn auch da mit diesem Ding zurückholen?"
"Ich glaube nicht.", sagte Bogh, der gerade von der Brücke zurückkehrte: "Die Energiezelle ist irreparabel beschädigt. Außerdem weiß ich wirklich nicht genau, was der Auslöser war. Vielleicht war es nur Glück. Und wir wissen auch nicht, wo der Kommandant genau gestanden hatte. Ohne dieser Information wäre der Energiebedarf für einen zweiten Versuch viel zu groß."
Antonia sackte in sich zusammen: "35 Jahre! Ich kann es kaum glauben. Aber wieso bist du mit einem Vargr auf Rettungsmission? Hat sich zwischenzeitlich so viel geändert?"
Vor 35 Jahren war das Verhältnis zu den Vargr noch wesentlich angespannter.
"Der IISS hatte damals eine Rettungsexpedition gestartet.", sagte Helloway: "Sie haben aber nicht herausgefunden, was passiert ist. 1082 bis 1084 gab es Krieg, der aber an uns hier mehr oder weniger vorbeiging."
Nach einer Pause fügte sie hinzu: "Ehrlich gesagt: Ich bin nur hier, um Doktor Bogh bei seinen Feldforschungen zu helfen."
"Das ist richtig.", bestätigte der Vargr: "Mein Ziel ist es, Dimensionsspalten zu lokalisieren, aber nicht, diese zu manipulieren. So gesehen ist der Test fehlgeschlagen - für sie natürlich ein Glücksfall."
"Wann können wir es das nächste Mal versuchen?", fragte Helloway.
Der Vargr dachte nach: "Ich weiß es nicht. Es könnte noch jahrelange Forschungen bedeuten. Der Prototyp war sehr teuer und für den Bau einer zweiten Version muss ich viel Geld auftreiben. Außerdem ist es fraglich, ob man mich noch weiter in diesem Gebiet forschen lässt."
"Wieso das denn nicht?", fragte Helloway erstaunt.
Bogh senkte seinen Blick. Anscheinend war ihm das Thema unangenehm.
"Ich hatte gerade ein Gespräch mit Kommandant Razzghuk. Er hat mein Projekt beschlagnahmt und dem Militär unterstellt. Wahrscheinlich sieht er jetzt irgendein militärisches Potenzial in meiner Forschung."
"Was? Kann er sowas einfach machen?"
"Warum nicht?", antwortete der Vargr: "Razzghuk ist ehrgeizig und hat das Ohr des Patriarchen. Ich würde an seiner Stelle das Gleiche tun. Mir tut es nur um ihren Kameraden leid. Ich fürchte, sein und ihr Schicksal hat keine große Priorität für das Rudel."
"Meinen sie, dass er uns einfach aus der Luftschleuse wirft?", rief Walten-Berg entsetzt.
"Nein. Da können sie beruhigt sein. Dem Patriarchen ist an Frieden mit dem Imperium gelegen. Kommandant wird ihnen nichts antun, aber er wird sie bei nächster Gelegenheit auf einer imperialen Welt absetzen. Vermutlich Athana."
Da irrte sich Bogh. Nach dem Start suchte er erneut Helloway und Walten-Berg in der Messe auf.
"Ich habe schlechte Neuigkeiten. Kommandant will aus Sicherheitsgründen auf den Rückweg nach Gvutson keine imperiale Welt anfliegen. Er hat befohlen, dass sie Beide auf Ghvrohn das Schiff verlassen."
"Wie bitte?", rief Helloway: "Aber das ist vier Parsec von Athana entfernt."
"Korrekt, Helloway. Ich habe Kommandant darauf hingewiesen, dass es gegen unsere Absprache ist - er ließ sich aber nicht umstimmen. Patriarch wird ihn dafür maßregeln, aber das scheint es ihm wert zu sein."
"Ghvrohn?", sagte Antonia verwirrt und blickte zwischen Helloway und Bogh hin und her.
"Das läuft bei uns unter 198-932.", erklärte Helloway.
Das System lag deutlich außerhalb der Imperialen Grenze - ein ewiger Zankapfel zwischen Menschen und Vargr, einheimische Atmosphärenschürfer und Planetoidenjägern, privaten Unternehmungen und Konzernen.
"Der Vorteil ist ...", fuhr Bogh fort, "... dass es dort einen IISS-Stützpunkt gibt, von dem sie ihre Rückreise organisieren können."
"Immerhin.", meinte Antonia.
Helloway schüttelte mit dem Kopf. Der Stützpunkt hatte einen schlechten Ruf. Gerüchte sprachen von Korruption und krummen Geschäften.
"Okay, Doc. Es ist nicht ihre Schuld. Ich würde sie aber bitten, mich über den Status ihrer Forschung auf dem laufenden zu halten. Vielleicht bietet sich doch noch eine Möglichkeit Eneri zu befreien."
"Sie haben mein Wort, Helloway."
Ende, aber fortsetzungswürdig
Geschrieben: April 2026
Autor: Matthias Stilke (c)
www.kurzgeschichten-stories.de
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