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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Matty63 (Matty63).
Veröffentlicht: 29.10.2026. Rubrik: Persönliches


Zeit für etwas Neues

Jedes einzelne Wort traf mich wie ein Keulenschlag: "Haha, ein Mädchen, ein Weichling. Aus diesem Alter müsstest du doch raus sein!"
Das klang, als hätte ich etwas ganz Schlimmes getan; etwas, das die Identität eines Teenagerjungen völlig in Frage stellt.

Mir war zuerst nicht klar, was meine Klassenkameraden von mir wollten, denn dass ich gemobbt wurde, stand damals auf der Tagesordnung. Und wenn es darum ging, sich neue Gemeinheiten auszudenken, kannte ihre Phantasie keine Grenzen: Verspottung meines Nachnamens, von hinten an den Haaren ziehen, von hinten ein Bein stellen, nachäffen der Stimme...

Warum ich jetzt auf einmal auch ein Mädchen sein sollte, war mir zunächst nicht klar; doch irgendwann dämmerte es mir: Mädchenhaft war ich in den Augen der anderen, weil ich an heißen Sommertagen die Strümpfe weggelassen und meine Sandalen barfuß angezogen hatte. Ich mochte dieses Gefühl der freien Füße samt der Möglichkeit, zwischendurch genüsslich die Zehen bewegen zu können.

Irgendwann war mir klar: Ich war in meiner Klasse der Einzige, der ohne Strümpfe in die Schule kam. Die anderen hatten auch bei 30 Grad dicke geschlossene Schuhe an; etwas, das ich nicht verstehen konnte. Ich dachte jedoch: Jeder sei seiner Meinung gewiss.

Als das Mobbing wegen meiner Barfüße zu wild wurde, zog ich, weil ich es nicht mehr aushielt, selbst an heißen Sommertagen ebenfalls Halbschuhe und Strümpfe an. Meine Klassenkameraden dachten sich jedoch auch weiterhin Gemeinheiten aus, und irgendwann bekam ich vor der ganzen Klasse einen Nervenzusammenbruch, an den sich ein achtwöchiger Klinikaufenthalt anschloss.

Nun wurde endlich auch der Schulleiter hellhörig und machte gegenüber der Klasse eine deutliche Ansage. Das Mobbing hörte dadurch auf, aber besser angesehen war ich trotzdem nicht. Durch die lange Fehlzeit wiederholte ich die 10 Klasse. Das Abitur schaffte ich einigermaßen und ging dann zum Studium.

In meinem 2. Studienjahr kam im Sommersemester eine plötzliche Hitzewelle. Da dachte ich an jene weit zurückliegenden Zeiten. Ich dachte an die Tage, an denen ich morgens voller Vorfreude auf den Sommertag beschlossen hatte, keine Strümpfe anzuziehen.

Auch jetzt noch saßen die Verletzungen des damaligen Mobbings tief. Sie hatten auf meiner Seele tiefe Kratzer hinterlassen. Ich hatte mir wieder Sandalen gekauft, aber noh nicht den Mut gehabt, sie anzuziehen.

An jenem Junimorgen des Jahres 1986 überkam mich jedoch auf einmal ganz viel Mut. "Zeit, etwas Neues auszuprobieren!" sagte ich mir. Normalerweise habe ich beim Anziehen eine ganz bestimmte Reihenfolge: Unterhose, Strümpfe, Hose, Shirt. An diesem Morgen war es jedoch anders. Nachdem ich die Unterhose anhatte, übersprang ich einfach die Strümpfe. Es war ein interessantes Gefühl, barfuß in die leichte weiße Sommerhose zu schlüpfen. Der feine Stoff fühlte sich dabei an den Füßen sehr angenehm an.

Es folgte noch das Shirt; und dann kam der besondere Augenblick: Zum ersten Mal nach 10 Jahren schlüpfte ich wieder barfuß in meine Sandalen. Dies war ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Einerseits freute ich mich darüber, andererseits war ich aber auch traurig, dass ich mir dieses Gefühl durch den Spott anderer hatte wegnehmen lassen.

Der Weg zur Uni war dann herrlich: Die warme Sonne dieses 25 Grad- Tages beschien meine befreiten Füße, und keiner, dem ich begegnete, machte darüber eine abfällige Bemerkung. Im Gegenteil: Viele meiner Studienkollegen waren offensichtlich ebenfalls der Meinung, dass man bei einem solchen Wetter den ganzen Tag barfuß bleiben kann.

Einen kleinen Dämpfer bekam die neu gewonnene Freiheit jedoch, denn meine Sandalen waren ausgesprochene Klebesandalen. Meine Fußsohlen saugten sich darin fest und hinterließen bei jedem Schritt ein schmatzendes Geräusch.

Die Rettung waren die Espadrilles, die damals in Mode waren. In ihnen gab es kein Kleben und Schmatzen, und das Barfußgefühl war mit ihnen einfach herrlich. Manchmal zog ich sie schon morgens an, obwohl es noch kühl war. Mit einem zusätzlichen Pullover war das kein Problem; den konnte ich ja ausziehen.

"Zeit für etwas Neues", dieses Motto galt für mich vor 40 Jahren, als ich zum ersten Mal nach langer Pause wieder die Strümpfe wegließ. Ich bin auch heute noch offen für Neues. Und es ist für mich immer noch eine große Freude, wenn ich nach dem langen Winter zum ersten Mal die Strümpfe weglassen kann.,

counter2xhab ich gern gelesen
Geschichte Nummer 11207

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Rika am 29.10.2026:

Ich hab die Geschichte gerne gelesen. Mobbing ist etwas sehr Unangenehmes und kann viel Schaden verursachen. Allerdings denke ich, dass es diesen Mobbern egal ist, welche Gemeinheit sie einem an den Kopf werfen. Mal ist es das Herumlaufen ohne Strümpfe, mal passt ihnen die Nase von jemandem nicht. Wer sucht, findet immer irgendetwas, was er an jemandem nicht mag.

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