Veröffentlicht: 12.04.2026. Rubrik: Historisches
Da will ich sein
Da will ich sein
Zwischen den Mauern im Niemandsland hoppelten Hasen übers Feld.
Als Kind sah ich, am Klofenster stehend, gen Westen, zum Springerbau rüber, instinktiv wissend: Da will ich hin.
Ich las den Bummi, die Frösi, die ABC Zeitung und die Trommel. Ich ließ mir das blaue, später das rote Halstuch umbinden, lernte und lernte auch die Zehn Gebote der Pioniere auswendig: Wir Jungpioniere sind gute Freunde und helfen einander.
Hätte ich am 04.11. auf dem Alex gestanden, ich hätte nichts verstanden: Etwas Neues lag in der Luft – für die DDR, die nun das D in ihrer Mitte ernst nehmen sollte und es auch wollte.
Mein Blick ging gen Westen, wo die Hasen hoppelten, bald durch die Realität überholt. Ein tiefer Atemzug in die prall gefüllten Einkaufstaschen.
Das System war’s nicht wert, zu überleben. Es war Schrott und gehörte verschrottet. Das System, nicht aber die Utopie. Eine Revolution soll’s gewesen sein. Wofür aber waren die Leute auf die Straße gegangen? Wofür hatten sie sich prügeln lassen, in der Gewissheit, dass Gorbatschows Anwesenheit sie schützt?
Der Neuanfang fand seinen Anfang nicht. Der Giftzahn saß zu tief im Pelz.
Aber: Wären wir als Volk überhaupt fähig gewesen, die Segel neu zu setzen, ohne das Schiff zu verlassen? Wollten wir das überhaupt? Ist’s wirklich der Mauer anzulasten, dass alles anders kam, oder konnte sie dem Sturm einfach nicht mehr standhalten?
Heute jammern wir: Ach hätten wir die Hasen bloß nicht hereingelassen, die niedlichen kleinen, kuscheligen Wollknäule, verheißungsvoll schnüffelnd und mit den Schwänzchen schlagend. Denn wo sie trafen, riss die Erde auf, die alsbald Menschen verschlang, ihre Menschen, die ihr gedient hatten? Sie sangen noch, während sie sie zermalmte: Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer, das ist auch die Natur, das Ackerland, das vom Menschen bearbeitet wird …
Ich wollte in keinem anderen Land gewesen sein, kein anderes Sein kenne ich. Wir grüßen uns noch immer mit Seid bereit! Heute genügt nur ein Blick und man weiß Bescheid. Wie ein Geheimzirkel, eine Loge am Hasengraben, entlang der Spree, da wächst noch ein wenig Gras. Ich wollte einst werden, in einem anderen Land leben, und sehe, dass auf dem Bruchgestein, dem Schutt, etwas wächst, das so schmeckt wie das eigene Leben und doch starrt mir ein fremdes Gesicht entgegen, zur Fratze verzerrt, grinst es mich an. Kein Dach überm Kopf, das schützt, keine Wände, die wärmen, von Wind gepeitscht, ein Dröhnen im Kopf:
Nie wieder Krieg!, hieß es damals. Heute: Wir müssen wehrhaft sein! Und die Hasen trommeln dazu emsig mit den Schwänzen, den puschlig weichen.
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